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Nach Knochenfund:Was wir im Fall Peggy wissen - und was nicht

Ermittler erwarten an diesem Dienstag Gewissheit über das Schicksal der kleinen Peggy. Was bedeutet das für ihren Heimatort? Gibt es neue Tatverdächtige? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

In einem Waldstück wurden am Wochenende Skelettteile entdeckt, die wahrscheinlich von Peggy stammen. Eine Soko, die gleich am Montag einberufen wurde, erhofft sich von dem Fund neue Spuren. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Wer war Peggy?

Peggy war neun Jahre alt, als sie verschwand. Menschen, die sie kannten, beschreiben sie als offenes und phantasiebegabtes Kind, das gelegentlich allein zu Hause war und Kontakt zu den Nachbarn suchte. Am 7. Mai 2001 verließ sie morgens die Wohnung am Marktplatz von Lichtenberg und kaufte sich im nahen Lebensmittelgeschäft ein kleines Frühstück für die Schule. Ein Angestellter einer Sparkasse sah sie noch auf dem Weg zum Schulgebäude.

Nach dem Ende der Schule ging Peggy nicht sofort nach Hause, sondern half gemeinsam mit einer Freundin der Hausmeisterin noch beim Leeren der Schulpapierkörbe. Wenige Minuten nach ein Uhr mittags trat sie mit ihrer Freundin den Weg nach Hause an, ein Mitschüler sah die beiden noch auf ihrem Weg. Auch andere Zeugen erinnern sich, Peggy auf dem Weg, wohl zurück zur Wohnung am Marktplatz, beobachtet zu haben. Weitere Zeugen glauben sie auch am Nachmittag und Abend noch einmal kurz in Lichtenberg gesehen zu haben, das letzte Mal um etwa 19 Uhr. Danach verliert sich die Spur des Mädchens.

Peggys Mutter verließ Lichtenberg, drei Monate nachdem Peggy verschwunden war. Nach der Verurteilung von Ulvi K. im Jahr 2004 ließ sie ein Grab für ihre Tochter errichten und gab als Sterbetag das Datum an, an dem Peggy das letzte Mal in Lichtenberg gesehen wurde.

Wo wurden die mutmaßlichen Überreste von Peggy gefunden?

Das Waldstück im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Oberfranken und Thüringen ist nur 15 Kilometer entfernt von Peggys Heimatort Lichtenberg. Es ist eine beliebte Gegend zum Pilzesammeln, trotzdem lagen die Überreste des Mädchens dort womöglich 15 Jahre lang unentdeckt. Der Wald ist dicht, dennoch fand ein Pilzsammler die Knochenreste auf dem Waldboden.

Teile des Skeletts wurden an verschiedenen Stellen gefunden, einige waren noch vergraben. Ob es vollständig ist, dazu wollte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel zunächst nichts sagen. Inzwischen hat der Leiter der Soko bestätigt, dass das Seklett nicht vollständig ist. Ebenso wenig könne man zurzeit sicher feststellen, ob das Mädchen tatsächlich ermordet wurde. Fest stehe allerdings, dass der Fundort nicht identisch mit dem Tatort ist. "Den Tatort kennen wir noch nicht", sagt er.

Als Peggy am 7. Mai 2001 verschwand, startete eine riesige Suchaktion. Hundertschaften durchkämmten die Gegend um Lichtenberg, das unterirdische Stollensystem unter dem Städtchen im Frankenwald wurde durchsucht, sogar Tornados der Bundeswehr waren im Einsatz und überflogen die Region mit Wärmebildkameras. Dieses Stück Wald in Thüringen sei damals allerdings nicht durchsucht worden, sagt ein Polizeisprecher, so weit habe sich der Radius der Suchmannschaften nicht ausgedehnt.

Was tun die Ermittler jetzt?

Durch den Fund der Skelettteile bekommen die Ermittlungen eine neue Dynamik. Gleich am Montag wurde aus der Ermittlungsgruppe der Bayreuther Kriminalpolizei eine Sonderkommission, die auf 30 Mitarbeiter aufgestockt wurde. Nun werden Spuren verfolgt und Zeugen vernommen. Die Soko erhofft sich von dem Fund neue Spuren, möglicherweise gerade von den Gegenständen, die bei den Knochenresten entdeckt wurden. Welche das genau sind, das will der Leitende Oberstaatsanwalt noch nicht sagen, es könnte sich aber um den verschwundenen Schulranzen von Peggy handeln und um Kleidungsstücke.

Lange schleppten sich die Ermittlungen im Fall Peggy dahin, in den vergangenen Jahren wurden zwar immer wieder verschiedene Spuren verfolgt, allerdings ohne einen Durchbruch. Mehrere Verdächtige gerieten ins Visier der Ermittler, keiner stand jedoch unter ernsthaftem Tatverdacht. Schon zwei Sonderkommissionen untersuchten den Fall gleich nach dem Verschwinden des Mädchens, die erste wurde mangels Erfolg aufgelöst, die zweite präsentierte schließlich den geistig behinderten Ulvi als Tatverdächtigen. Der wurde als Mörder des Mädchens verurteilt, zehn Jahre später in einem Wiederaufnahmeverfahren allerdings freigesprochen.

Kommt Lichtenberg nun zur Ruhe?

Das hoffen viele in Lichtenberg, denn die kleine Stadt im Frankenwald ist seit 15 Jahren untrennbar mit dem Schicksal von Peggy verknüpft. Dort lebte das Mädchen mit ihrer Mutter, dort verschwand sie auf dem Nachhauseweg von der Schule. Und dort lebte Ulvi, der zunächst als Mörder verurteilt wurde. Der Ort war lange gespalten, in jene, die an die Unschuld des Gastwirtssohnes glaubten und in die anderen, die dem Urteil des Gerichts glaubten.

Als in den Jahren danach immer wieder Ermittler nach Lichtenberg kamen, immer wieder nach dem Mädchen gesucht wurde und immer wieder neue Verdächtige genannt wurden, versetzte das den Ort immer wieder in Unruhe. Niemand wollte mehr mit den Journalisten sprechen, die ebenso regelmäßig in Lichtenberg einfielen. Und niemand wollte vor allem, dass ausschließlich über Peggy gesprochen wurde, wenn von Lichtenberg die Rede war. Jetzt gebe es Hoffnung, dass doch irgendwann Frieden einkehre im Ort, sagt Rudolf von Waldenfels, Schriftsteller und Sprecher der Kleinstadt.

Könnte Ulvi K. erneut ins Visier der Ermittler geraten?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: nein. Selbst in dem Fall, dass am jetzt gefundenen Skelett DNS-Spuren von ihm gefunden würden, wofür es keinerlei Hinweise gibt, wäre eine erneute Anklage juristisch praktisch nicht möglich. Ulvi K. wurde zunächst verurteilt, danach in einem Wiederaufnahmeverfahren vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Eine erneute Anklage ist damit nicht möglich, ein derlei Freigesprochener muss sich auf ein hohes Maß an Rechtssicherheit verlassen können.

Und auch das rein theoretisch: Selbst wenn Ulvi aus irgendwelchen Gründen ein Geständnis ablegen würde, wäre es schwer, seinen Ex-Mandanten erneut wegen Mordes anzuklagen, sagt sein Ex-Anwalt Michael Euler. Immerhin hatte der geistig behinderte Mann einen Mord schon einmal gestanden. Und wurde trotzdem vor zwei Jahren von eben jenem freigesprochen.

Gibt es noch Tatverdächtige in der Sache?

Nein, derzeit nicht. Ein Mann aus der Nähe von Halle stand lange besonders im Fokus. Er war schon kurz nach dem Verschwinden von Peggy ins Visier der Ermittler geraten. Seine Adresse hatten Fahnder in Hinterlassenschaften von Peggy gefunden. Auch entdecken Ermittler ein Amulett mit dem Buchstaben "P" und ein Foto von Peggy bei ihm. Er hatte offenbar auch den Namen des verschwundenen Mädchens an die Wand seiner Wohnung geschrieben. In Vernehmungen hatte er angegeben, er tue dies, um sich an die verschwundene Peggy zu erinnern.

Nach eigener Aussage soll er einige Monate vor dem Verschwinden Peggys das letzte Mal in Lichtenberg gewesen sein. Ein Verwandter von ihm lebte dort in direkter Nachbarschaft von Peggy und ihrer Mutter. Ermittlern gegenüber soll der Mann auch zugegeben haben, dass es zu Zärtlichkeiten mit Peggy gekommen ist. Es sei aber eher darum gegangen, das Mädchen mal in den Arm zu nehmen. 2012 wurde der Mann vom Landgericht Halle wegen sexuellen Missbrauchs seiner eigenen Tochter zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Für einen dringenden Tatverdacht reichten die Indizien aber nicht, genauso wie bei weiteren Verdächtigen. Auch bei einem in Lichtenberg wohnenden Mann hatten Ermittler 2013 nach Spuren suchen lassen. Auf dem Grundstück wurde zum Teil meterhoch Erde abgetragen. Auf Hinweise stießen die Ermittler aber nicht. Der Mann fordert inzwischen Schadensersatz.

Nach Angaben der ermittelnden Staatsanwaltschaft Bayreuth wird momentan gegen keine konkrete Person mehr ermittelt. Das anhängige Verfahren richtet sich gegen unbekannt. Wer Peggy ermordet haben könnte, soll jetzt die Soko "Peggy" klären.

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