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Nach Knochenfund:Fall Peggy: "Möglicherweise hat der Täter Spuren hinterlassen"

Polizei bewacht Fundort von Skelettteilen

Die Leiche von Peggy wurde 15 Jahre lang nicht gefunden. Nachdem ein Pilzsucher Knochen entdeckt hatte, konnte das Kind identifiziert werden.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Auch Jahre nach dem Tod eines Menschen können Forensiker wie Carsten Hohoff viel herausfinden. Im Fall Peggy dürfte der Fundort aber Spuren zerstört haben.

Am Wochenende findet ein Pilzsammler in einem Waldstück in Thüringen die Leiche eines Kindes. Schnell wird bekannt: Es handelt sich um die seit 2001 vermisste Peggy aus Lichtenberg in Oberfranken. Carsten Hohoff, stellvertretender Leiter der Forensischen Genetik in Münster, erklärt, dass Experten bei der Untersuchung eines solchen Leichnams auch noch nach Jahren viel über das Opfer herausfinden können.

SZ: Wie können die Kollegen so sicher sein, dass es sich bei den Knochen um Peggys sterbliche Überreste handelt?

Carsten Hohoff: Die DNA, den Träger der Erbinformation, müssen Sie sich als fadenförmiges Molekül vorstellen. Ist sie in zu kleine Stücke zerlegt, können wir sie nicht mehr untersuchen. Haben wir Glück und bekommen ein DNA-Profil aus den Knochen, vergleichen wir es mit Proben von der vermissten Person vor ihrem Tod. Besonders geeignet sind Zahnbürsten, Haarbürsten, bei Männern Rasierer. Wir verwenden auch Bekleidung. Zur Not gleichen wir die Proben aber auch mit der DNA naher Verwandter wie etwa der Eltern ab. Ein DNA-Merkmal wird von der Mutter vererbt, eines vom Vater. Insgesamt überprüfen wir 16 Abschnitte im Erbgut. Wenn mindestens zwölf übereinstimmen, können wir ziemlich sicher sein, dass es sich um die Person handelt. Je mehr übereinstimmende Merkmalssysteme vorliegen, desto höher ist auch die Aussagekraft.

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Kann man nach 15 Jahren aus alten Knochen überhaupt noch etwas lesen ?

Je nachdem, ob er auf oder unter der Erde lag und in was für einer Art von Boden. Die DNA befindet sich im Inneren der Knochenzellen. Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze bauen den Körper ab, auch die DNA. In der Haut, im Blut oder im Sperma ist die DNA deshalb relativ schnell zersetzt. Der Knochen hat eine harte Struktur und ist sehr massiv, dadurch schützt er die enthaltene DNA am besten. Mit etwas Glück überstehen Knochen mehrere Jahrzehnte, sogar bis zu Jahrhunderten. Manchmal ist der Knochen aber von Mikroorganismen befallen und die DNA aufgelöst. Die Bodentiefe, die Art des Bodens, ob die Leiche Sonnenlicht ausgesetzt war - das alles kann den Erhalt der DNA beeinflussen. Waldboden ist natürlich nicht besonders gut. Durch die Feuchtigkeit vermehren sich die Mikroorganismen schneller.

Wie muss man sich eine solche Untersuchung vorstellen?

Wir reinigen den Knochen zuerst, damit alle fremde DNA entfernt wird. Unter Umständen ist auch Erde dran. Der Knochen wird mit Schmirgelpapier abgeschliffen oder abgefräst und mit destilliertem Wasser abgespült. Die Knochenstruktur wird in einer chemischen Lösung und bei erhöhter Temperatur aufgelöst. Aus dem menschlichen Zellkern wird die DNA dann herausgelöst. In der Regel sind Zähne noch geeigneter als Knochen, weil sie noch härter sind. Wir nehmen für die Analytik, was am Fundort vorliegt. Aber wenn wir es uns aussuchen könnten, arbeiten wir am liebsten mit Oberschenkel- oder Oberarmknochen. Rippenknochen sind nicht so gut geeignet, weil sie nicht sehr fest sind.

Carsten Hohoff arbeitet als stellvertretender Institutsleiter der Forensischen Genetik in Münster. Er versucht unter anderem, Leichen zu identifizieren.

(Foto: privat)

Kann man mithilfe der Knochen auch auf die Todesursache schließen? Oder gar auf einen Täter?

Die Knochen selbst geben natürlich keine Rückschlüsse auf den Täter. Aber möglicherweise hat er Spuren hinterlassen. Wir haben bei einem Fall zum Beispiel schon Werkzeugspuren an den Knochen gefunden. Falls Gegenstände in der Nähe des Fundorts gefunden werden, können auch hier DNA-Proben genommen werden, die auf den Täter hinweisen könnten. Ein Loch im Schädel kann ein Hinweis auf einen gewaltsamen Tod, zum Beispiel durch einen Schuss sein. Im Fall Peggy könnte es jedoch schwierig werden, die Todesursache anhand der Knochen zu bestimmen.

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