Süddeutsche Zeitung

Nach Katastrophe:Flutopfer fordern schnellere Hilfe

Die Simbacher sind wütend auf den Landrat und werfen ihm vor, sie hängen zu lassen. Dieser spricht von Sorgfalt.

Drei Monate ist es her, da saß Rottal-Inns Landrat Michael Fahmüller (CSU) in der Turnhalle der Simbacher Realschule, die wenige Tage zuvor noch unter Wasser gestanden hatte. Fahmüller schluckte seine Tränen weg und versprach den Opfern der verheerenden Flutkatastrophe unbürokratische Hilfe. "Weil Menschen, die alles verloren haben, keine Nerven haben für zu viel Bürokratie", sagte der Landrat damals. An diesem Freitag ist Fahmüller zurückgekommen in die Simbacher Realschule. Und was er den Simbachern zu sagen hatte, klang völlig anders als noch vor drei Monaten.

"Es geht nicht alles sofort, auch in der Landkreisverwaltung arbeiten nur Menschen", sagte Fahmüller. Insgesamt 465 Anträge seien bisher im Landratsamt eingegangen. Er meinte die Anträge für das staatliche Hilfsprogramm, das den Menschen einen Großteil des Schadens erstatten soll, der an und in ihren Häusern entstanden ist - vorausgesetzt ihre Häuser stehen noch. Allein in Simbach mussten bereits rund 20 Häuser abgerissen werden, demnächst werden weitere Abrissbagger in die Stadt rollen. Gerade diejenigen, die bei null anfangen müssen, warten ungeduldig auf Hilfe.

Bislang hat das Landratsamt Rottal-Inn 12,27 Millionen Euro an all jene Bürger im Landkreis gezahlt, die von der Flutkatastrophe betroffen sind. Doch was nach viel Geld klingt, beinhaltet fast ausschließlich die Soforthilfe, die das Landratsamt in den Tagen unmittelbar nach der Flut in bar ausbezahlt hat: 1500 Euro für jeden Betroffenen. Mehr hat seither kaum einer bekommen in Simbach und den anderen Katastrophengebieten des Landkreises. Entsprechend groß ist die Wut der Menschen auf die Politik, vor allem auf Landrat Fahmüller. "Das Geld ist ja da, aber das Landratsamt kriegt es nicht hin, das Geld zu den Leuten zu bringen", sagte kürzlich Simbachs Zweiter Bürgermeister Thomas Klumbies (SPD).

Es müsse klar sein, "dass jeder Antrag ordentlich geprüft werden muss, dazu verpflichtet uns der Gesetzgeber, denn es handelt sich, das sollte man nicht vergessen, um Steuergelder", konterte Fahmüller nun - und griff diejenigen an, die ihm vorwerfen, die Flutopfer hängen zu lassen: "Ein einfaches Durchwinken von Anträgen kann und darf es nicht geben, hier müssen Sorgfalt und Gerechtigkeit Vorrang haben vor populistischem Geschrei." Außerdem erinnerte er die Flutopfer daran, "dass über 90 Prozent aller betroffenen Gebäude zu durchaus erträglichen Bedingungen versicherbar gewesen wären". Dafür, dass der Freistaat für alle Nicht-Versicherten in die Bresche springe, müsse sich "die öffentliche Hand im Gegenzug auch eine gewisse Gründlichkeit bei der Bearbeitung der Anträge" erlauben dürfen. Wann die Flutopfer nun endlich die versprochenen Hilfsgelder bekommen, ließ der Landrat auch an diesem Freitag offen. Man arbeite "jetzt zügig alle Anträge ab", sagte er lediglich.

Bei der Flutkatastrophe Anfang Juni waren im Landkreis Rottal-Inn sieben Menschen gestorben. Der Gesamtschaden dürfte bei rund einer Milliarde Euro liegen. Insgesamt waren mehr als 5000 Haushalte betroffen, etwa 500 Häuser wurden schwer beschädigt. Die Staatsregierung hatte zügige Hilfe versprochen. Die Zuschüsse erfassen bis zu 80 Prozent des jeweiligen Schadens, in Härtefällen bis zu 100 Prozent.

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SZ vom 03.09.2016
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