Nach dem Tod von Dirk Kollmar:Oettingers Zukunft ist gesichert

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Dirk Kollmar

Der Chef der Oettinger Brauerei, Dirk Kollmar, ist im Alter von 50 Jahren gestorben.

(Foto: dpa)

"Sein Tod kam viel zu früh": Das schwäbische Oettingen trauert um den plötzlich verstorbenen Brauerei-Chef Dirk Kollmar. Die Zukunft des Familienunternehmens ist jedoch nicht gefährdet. An möglichen Nachfolgern für Kollmar mangelt es nicht.

Von Stefan Mayr

Wer nach Oettingen fährt, merkt noch vor dem Aussteigen, was wichtig ist in dieser beschaulichen Kleinstadt im Kreis Donau-Ries. Inmitten des Kreisverkehrs vor der Ortseinfahrt steht ein wuchtiger glänzender Kupfer-Bierkessel, versehen mit dem bundesweit bekannten Schriftzug "Original Oettinger Bier".

5100 Einwohner hat Oettingen, in der Brauerei arbeiten 450 Menschen. "Man identifiziert sich mit dem Brauhaus", sagt Bürgermeisterin Petra Wagner (CSU). "Betroffen und bestürzt" hat sie am Montagabend erfahren, dass der Brauerei-Chef Dirk Kollmar am Samstag im Alter von 50 Jahren gestorben ist.

"Seine Mutter hat voriges Jahr ihren Mann verloren und jetzt ihren Sohn, das ist schon tragisch", sagt die CSU-Politikerin, die mit Dirk als Kind "zwischen den leeren Bierkästen herumgespielt" hat. Um die Zukunft der Firma und die Arbeitsplätze macht sie sich allerdings keine Sorgen. "Ich bin sicher, dass das hier weitergeht wie bisher."

Das klingt fast identisch mit dem, was die Oettinger Brauerei GmbH offiziell verkündet: "Die Interessen der Oettinger Brauerei GmbH werden weiterhin uneingeschränkt durch die Gesellschafterfamilie und die Geschäftsführung wahrgenommen", heißt es in einer Pressemitteilung. Das ist eine klare Ansage, denn seit dem Tod des Firmenchefs ist in Oettingen schon auch ein Thema, ob das Unternehmen nun von einem der internationalen Konzerne geschluckt werde. "Die Geier kreisen bestimmt", sagt einer in der Metzgerei unweit des Kessel-Kreisverkehrs.

Oettinger gilt in mehrfacher Hinsicht als Außenseiter

Das Familienunternehmen Oettinger wird stets in einem Atemzug mit den Konzernen Radeberger (Jever, DAB) und AB-Inbev (Beck's, Diebels, Franziskaner) genannt, mit einem Ausstoß von etwa zehn Millionen Hektolitern werden die Schwaben auch als Deutschlands größter Bierbrauer bezeichnet.

Dabei gilt Oettinger gleich in mehrfacher Hinsicht als Außenseiter: Erstens ist der Vertriebsweg sehr außergewöhnlich (keine Gastronomie, kaum Werbung), zweitens war Kollmar nie Mitglied im Deutschen Brauerbund. Ergo war er auch nicht in die Preisabsprachen verwickelt, für die seine Konkurrenten jüngst Millionenstrafen zahlen mussten. Drittens wegen des unerreichten Preises. "Kollmar ist eine Mischung aus Patron und Outlaw", schrieb die Wochenzeitung Die Zeit im Juli 2013 über den geschäftsführenden Gesellschafter.

Die Presseabteilung des Unternehmens betont, dass Oettinger durch Kollmars plötzlichen Tod nicht ohne Kopf dasteht. Es stehen drei Geschäftsführer zur Verfügung, heißt es, die zuletzt als Co-Geschäftsführer tätig waren und die Firma weiterführen sollen. "Von der operativen Führung her gibt es keine Notwendigkeit für Veränderungen", sagt Vertriebs-Geschäftsführer Jörg Dierig. Das Unternehmen bleibe vollständig im Besitz der Familie Kollmar, sagte Dierig.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hatte sich Dirk Kollmar bereits seit vergangenem Jahr aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Grund: Nach einer Knieoperation hatte er einen Herzinfarkt erlitten, seitdem kam er "nie mehr ins Leben zurück", wie es aus dem Umkreis der Familie heißt. Das Unternehmen macht zu dessen Krankheit keine Angaben. Nur so viel: Er sei "unerwartet an Herzversagen verstorben". Und: "Sein Tod kam viel zu früh."

Trotz der Gerüchte um Kollmars angeschlagene Gesundheit wurden in Oettingen viele Menschen von der Todesnachricht überrascht. "Zuletzt hieß es, er sei auf dem Weg der Besserung", sagt ein Mitarbeiter vor dem Tor des Standorts Oettingen-Süd. "Das ist ein großer Verlust", sagt Beate Meierhuber aus der Bestellannahme. "Herr Kollmar hat mit seinen Ideen die Firma nach vorne gebracht." Neben dem Firmentor wehen sieben Fahnen mit dem Oettinger-Logo, jede ist mit einem schwarzen Trauerflor versehen.

Nebenher stampfte er den Verein Basketball in Gotha aus dem Boden

Dirk Kollmar war nach der Wiedervereinigung mit Ehefrau Astrid nach Gotha in Thüringen gezogen, Oettinger hatte die dortige Staatsbrauerei übernommen. Er baute den maroden Betrieb, dessen "Staatsplörre" nach der Wende kein Mensch mehr getrunken hätte, zu einem effizienten Standort um.

Nebenher stampfte er aus dem Nichts den Verein Basketball in Gotha (BiG) aus dem Boden, dessen Herrenteam es bis in die zweite Liga geschafft hat. Zudem veröffentlichte er Kinderbücher ("Paul Piranha und der Blubbersee"). Dass er dabei sowohl die Texte als auch die Illustrationen anfertigte, sagt viel über Kollmars Wesen. 2011 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Manch anderer Mensch hätte die Position als Chef der vermeintlich größten Brauerei des Landes womöglich genutzt, um von Party zu Party zu jetten. Dirk Kollmar blieb meist im Hintergrund und ein Mann des Understatements. Einmal sagte er: "Wir sind eher eine Spedition mit angehängter Brauerei." Zwischenzeitlich hatte die Brauerei sechs Standorte - neben Oettingen und Gotha noch in Mönchengladbach, Braunschweig, Dessow und Schwerin. Die letzteren zwei wurden zuletzt allerdings aufgegeben.

Trotz der gnadenlosen Niedrigpreis-Strategie müssen die 1150 Mitarbeiter nicht darben. "Bei Oettinger gibt es einen Haustarifvertrag, da ist vieles besser als in anderen Betrieben der Branche", sagt Tim Lubecki von der Gewerkschaft Nahrung Genuss-Gaststätten (NGG). Auch er macht sich Gedanken über die Zukunft des Unternehmens: "Die Frage ist, wer die Gesellschafteranteile von Dirk Kollmar übernimmt."

Die Unternehmensführung lässt diese Frage bislang offen. Dirk Kollmars Söhne sind 20 und elf Jahre alt. Ehefrau Astrid soll zuletzt ins Management eingebunden gewesen sein. Seine Schwester Pia ist Gesellschafterin, sie könnte in die Geschäftsführung einsteigen. Für solche Gedanken sei es noch zu früh, sagte Geschäftsführer Dierig am Dienstag.

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