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Mythos um König Ludwig II.:Sängerin in Seenot

Ein durchnässter Hofkoch, eine Kammersängerin mit Hintergedanken und das Schloss Neuschwanstein: Alte Postkarten vermitteln überraschende Einblicke in den Alltag König Ludwigs II.

Hans Kratzer

Theodor Hierneis, der Hofkoch von König Ludwig II., schildert in seinen Erinnerungen ein kurioses Erlebnis: "Unsere Betten standen nun gerade unter dem See, den der König zur Gondelfahrt benutzte. Der musste aber einige lecke Stellen gehabt haben, denn häufig tropfte es stark von den gewaltigen Trägern auf uns herunter. Nur mit einem aufgespannten Regenschirm konnten wir uns dann etwas schützen." Dass Hierneis im eigenen Bette durchnässt wurde, hatte einen guten Grund, schließlich lag sein Schlafzimmer direkt unter dem 1871 fertiggestellten Wintergarten, den Ludwig II. auf dem Dach der Münchner Residenz hatte erbauen lassen.

Die 70 Meter lange, 17 Meter breite und mehr als neun Meter hohe Konstruktion aus Glas und Eisen war eine Sensation (wurde aber nach seinem Tod abgebaut). Der König konnte dort in einem Urwald aus Palmen, Blumen und Büschen vor einer gemalten Himalaya-Landschaft mit künstlichem Regenbogen lustwandeln oder sich sogar auf einem See herumrudern lassen. Zu den wenigen Gästen, die dieses künstliche Paradies je besuchen durften, gehörte die Kammersängerin Josefine Scheffzky. "Vermutlich nicht ohne Hintergedanken ließ sie sich während einer Kahnpartie theatralisch ins Wasser fallen", erzählt die Historikerin Cornelia Oelwein, die diese herrliche Geschichte ausgegraben hat. Doch anders als die Scheffzky geplant hatte, blieb der König ungerührt am Ufer stehen und überließ die Rettung der Primadonna einem herbeigerufenen Diener.

Das Ereignis blieb nicht geheim, denn alsbald wurde eine Bildpostkarte auf den Markt geworfen, auf der die Seenot der Sängerin und der ungerührt dreinschauende König detailgetreu dargestellt waren. Bei aller Dramatik der Szene: Kein Betrachter wird angesichts dieser Karte ein Schmunzeln unterdrücken können.

Die Postkartenindustrie hatte schon zu Lebzeiten Ludwigs II. erkannt, dass sich mit dem seltsamen König und seinen Bauwerken gutes Geld verdienen ließ. Erst am 18. Juni 1870, wenige Jahre nach Ludwigs Amtsantritt, war in Bayern die erste Postkarte verschickt worden. Einen Monat später brach dann der Deutsch-Französische Krieg aus, wodurch diese neue Kommunikationstechnik in Form der Feldpost populär wurde. Binnen weniger Jahre waren die Bildpostkarten ein Massenartikel, und Ludwig II. war ein Lieblingsmotiv. Es gab kaum ein Ereignis aus dem Leben des Königs, das nicht auf Postkarten festgehalten worden wäre. Die Motive wurden zum Teil von Künstlern neu geschaffen, häufig dienten aber auch die zeitgenössischen Aufnahmen der Hoffotografen Joseph Albert und Franz Hanfstaengl als Vorlagen.

Das mit Abstand beliebteste Postkartenmotiv war schon damals das Schloss Neuschwanstein, sagt Cornelia Oelwein, die eine opulente Sammlung mit LudwigII.-Motiven besitzt und einen Teil davon jetzt in einem neuen Buch präsentiert ("Dein Bild wird ewig leben - König Ludwig II. im Spiegel historischer Postkarten", Bayerland-Verlag, Dachau 2011, 17,90 Euro). Bereits zu Lebzeiten des Königs waren viele Fremde und Sommerfrischler ins Allgäu gereist, um den spektakulären Bauplatz von Neuschwanstein zumindest aus der Ferne zu bewundern. Da aber die Baustelle abgesperrt war und nicht betreten werden durfte, wurde die Neugier der Besucher noch mehr angestachelt. Auch nach ihrer Vollendung blieben die Königsschlösser für die Öffentlichkeit gesperrt. Ludwig II. soll sogar geäußert haben, man möge sie nach seinem Tod in die Luft sprengen, um sie vor dem Zutritt der rohen, unkultivierten Außenwelt zu bewahren.

Sieben Wochen nach Ludwigs Tod, am 1. August 1886, wurden sie trotzdem geöffnet, allerdings nicht aus touristischen Gründen. Eigentlich sollte dem Volk demonstriert werden, dass ein König, der so etwas bauen ließ, nicht zurechnungsfähig gewesen sein konnte. Da hatte man sich aber gründlich verrechnet, sagt Frau Oelwein. Die Leute waren begeistert, und Myriaden von Journalisten sangen das Hohelied der Schlösser und ihres Erbauers. Allein im Restjahr 1886, in welchem Neuschwanstein erstmals zugänglich war, wurden 80.000 Besucher gezählt (heute sind es alljährlich 1,3 Millionen).

Die märchenhaften Bauwerke befeuerten den Mythos Ludwig II. nun vollends, die Kulturindustrie rieb sich freudig die Hände. Sogar Karl May schilderte 1886/87 in mehreren Werken das Leben der Bayern mit ihrem König Ludwig. Noch 1911, zu seinem 25. Todestag, sind eigene Postkartenserien aufgelegt worden, ein sichtbarer Beweis für die frühe Verehrung des toten Königs. Die alten Postkarten werfen ein großartiges Schlaglicht auf Ludwig II., seine Bauwerke und seinen Nachruhm.

© SZ vom 26.02.2011/juwe

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