Mysteriöser Fund im Chiemsee:Wie aus Hitlers Nachttopf der Heilige Gral wurde

In der Schweiz ist der umstrittene Goldkessel aus dem Chiemsee aufgetaucht - und hat nun Ermittlungen wegen Betrugs ausgelöst.

Heiner Effern

Gold löst auch heute noch Rauschzustände aus. Anders sind die Legenden um einen Kessel aus dem Edelmetall, der im September 2001 im Chiemsee gefunden wurde, nicht zu erklären.

Goldkessel

Erst wurde der Goldkessel zum keltischen Kultobjekt erklärt, dann zu Hitlers Nachttopf. Heute ist er Gegenstand eines Strafverfahrens.

(Foto: Foto: ddp)

Galt er anfangs wegen seiner Verzierung mit Tier- und Menschenopfern als keltisches Kultobjekt, wurde in den Medien schnell Hitlers Nachttopf daraus - und nun macht er tatsächlich noch eine größere Karriere: In der Schweiz soll er als "Heiliger Gral" aufgetaucht sein.

Staatsanwalt Georg Staub aus dem Kanton Zürich sagte, dass "wir den Goldkessel aus dem Chiemsee beschlagnahmt haben". Er sei Gegenstand eines Strafverfahrens wegen Betrugs.

Wie der Kessel in die Schweiz und zu seiner neuen Geschichte gekommen ist, will er derzeit nicht sagen. Nur so viel bestätigt er: Vier Schweizer sollen den Topf (Materialwert: etwa 100.000 Euro) als den mythischen "Heiligen Gral" ausgegeben haben. Sie schätzten den Marktwert auf mehr als 350 Millionen Euro.

Damit lockten sie mehrere osteuropäische Geschäftsleute an, um mit ihnen als Finanziers aus ihrem Besitz Kapital zu schlagen. "Der Kessel sollte wohl eine Art Geldmaschine sein", sagt Staub. Das funktionierte anfangs wenigstens für eine Seite: Die Interessenten sollen sich mit 1,1 Millionen Euro in die Vermarktung des "Heiligen Grals" eingekauft haben. Als jedoch lange nichts passierte, zeigten sie ihre Partner an.

Das einzige Wahre an der Geschichte um den "Heiligen Gral" dürfte der angegebene Fundort sein. Ein Taucher fand den mehr als zehn Kilogramm schweren Goldkessel in einer Chiemseebucht bei Ising. Als die Öffentlichkeit im August 2002 davon erfuhr, machte das Gerücht über ein keltisches Kultobjekt die Runde, das Wissenschaftler aber schnell widerlegten: Sie datierten die Herstellung auf die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts.

Da die Nationalsozialisten in der Nähe des Fundorts eine Eliteuniversität planten, kam folgende Theorie auf: Die Nazis hätten den goldenen Nachttopf Hitlers in den See geworfen, als die Amerikaner anrückten. Doch der etwa 30 Zentimeter hohe und 50 Zentimeter breite Kessel konnte laut einem historischen Gutachten "Personen oder Organisationen des NS-Regimes nicht zugeordnet werden".

Der Finder und der Freistaat als gemeinsame Eigentümer verkauften ihn an einen ,,seriösen'' Privatmann, wie das Finanzministerium sagt. Er habe Gewähr geboten, "dass ein Missbrauch durch rechtsgerichtete Gruppen unterbleibe".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB