Musikvideo Der Kini und der Narr

Der Sänger Luky Zappatta hat mit seiner neuen Band "Da boanad" ein skurriles Musikvideo gedreht. Die Botschaft: Rettet das Tegernseer Tal.

Von Heiner Effern, Tegernsee

Seine Lederhose hat der Mann verkehrt herum an, sein Hemd ist rosa-weiß-kariert, dazu trägt er einen grünen Schal. Während er sich am Steg eine Prise Kokain reinzieht, liegt seine Begleiterin lasziv daneben, in einem dieser Dirndl, die man sich auf der Wiesn auch unter Einsatz von drei Mass Bier nicht schön trinken kann. Bei dem Paar sitzt ein kleiner Mann im Narrenkostüm, der fröhlich eine Zigarre raucht. Gerade ist er noch mit einem Zepter in der Hand durchs Tegernseer Tal gelaufen und hat mit Geld um sich geworfen.

Wer solch skurrile Szenen in ein Musikvideo packt, der muss eine zumindest schräge Phantasie haben. Vielleicht reicht es aber einfach nur, im Landkreis Miesbach aufgewachsen zu sein. Wie der Sänger mit dem Künstlernamen Luky Zappatta, der mit dem ersten Song der neuen Band "Da boanad" (übersetzt: fertig, kaputt, erledigt) gleich ein politisches Statement abgeben will: Schluss mit der Kumpanei zwischen neureichen Zuzüglern und ihren willfährigen Handlangern im Tal. Schluss mit dem Ausverkauf der Heimat.

"Wir haben eine perverse Situation", sagt er. "Die Landschaft ist so schön, dass immer mehr Menschen kommen und auch bleiben wollen. Wenn das aber zu viele machen, geht genau das verloren, weshalb alle kommen: die Natur, das Brauchtum, die Sprache." Ein Prototyp dafür, sagt Zappatta, sei das Tegernseer Tal. Hier hat die Band das Musikvideo zu ihrem ersten Song "Mana, Weiwa, Bluad und Bier" weitgehend gedreht.

Ein paar kracherte Provokationen, bairische Liedtexte, Gitarrensound. So kann man einer neuen Band viel Aufmerksamkeit sichern und im besten Fall auch noch die Leute zum Nachdenken bringen. Ohne ein neues Bewusstsein seien Idyllen wie der Tegernsee verloren, sagt Zappatta. "Die Raffgier, alles an sich zu reißen, was geht", müsse eingedämmt werden. Auch bei den Einheimischen. Nicht jeder müsse zum Beispiel beim Verkauf seines Grundstücks den letzten Euro herauspressen, sodass Menschen aus dem Tal überhaupt kein Chance mehr erhielten, sich ein Haus in ihrer Heimat zu bauen, sagt der Sänger. "Da Danz mit'm goidna Stier, im Großkopfertnrevier", heißt es im Lied.

Der Lokalpolitiker ist ein kleinwüchsiger Narr mit Zepter

Ursprünglich wollte Zappatta, 44, gelernter Schreinermeister, nun Vertriebler, die bairische Sprache in die moderne Musik hinüberretten. In seinem Kinderzimmer hing ein Poster von Willy Michl, die Spider Murphy Gang war ein Idol seiner Jugend. Aber in Zeiten, in denen sich Dialekt singende Stars wie LaBrassBanda vor Liebesbekundungen aus der ganzen Republik kaum retten können, geht es Zappatta um mehr. Ums Ganze. Da darf es ruhig auch plakativ sein, bis an die Grenzen des Erträglichen. Der Kini selbst, als das personifizierte Bayern der Natur- und Formschönheit, zerknüllt in dem Video die - inzwischen erledigten - Baupläne für Gut Kaltenbrunn, dieses wunderbare Anwesen an der Nordspitze des Sees, auf dem ein Luxushotel entstehen sollte.

Der Lokalpolitik traut Zappatta bei der Rettung seiner Heimat offensichtlich nicht über den Weg, dargestellt wird der Typus des örtlichen Politikers als kleinwüchsiger Narr mit Zepter. Eine direkte Verbindung zu Personen seien beim Dreh des Videos nicht beabsichtigt gewesen, beteuert der Sänger. Aber jeder dürfe sich im Nachhinein seinen Teil denken. Bis vor Kurzem habe in Miesbach immerhin ein Landrat regiert, der durch außergewöhnlich großzügiges Ausgabeverhalten aufgefallen sei, sagt Zappatta in Anspielung auf Jakob Kreidl. Und ein Sparkassenchef, der für seine Bank eine Alm und einen Teil der Tegernseer Pfarrkirche gekauft hat. "Der hat sich hier aufgeführt wie ein Herrscher", sagt Zappatta.

Doch nicht nur die Gier hat die Band als Bedrohung ihrer Heimat ausgemacht. Ein Geistlicher steht im Video am Bug eines Boots, die Arme ausgebreitet wie Kate Winslet auf der Titanic. Hinter dem Kirchenmann sitzt ein Muskelprotz mit freiem Oberkörper und rudert. Später führt der Geistliche seinen Gespielen an einer Eisenkette vor, die an dessen dekorativem Halsband fixiert ist. Die Szene hat einen realen Hintergrund: Ein Mitglied der Band verbrachte seine Schulzeit im Kloster Ettal, das wegen der sexuellen und gewalttätigen Übergriffe seiner Erzieher bundesweit für Entsetzen sorgte.

Warum der Film irgendwann in einer Orgie aller Protagonisten endet, bleibt in diesem vom Rausch umwölkten Video nebulös. Aber eine klare Vorstellung von einer besseren Zukunft hat die Band. Am Ende des Videos überreicht König Ludwig das Zepter des Narren einem anderen Mann: dem Sänger Luky Zappatta.