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Musik in Bayern:Der Fundi der Volksmusik

Von bayerischer Volksmusik hatte Wastl Fanderl (in der Mitte) ganz genaue Vorstellungen. Inzwischen hat sich die Szene neuen Einflüssen geöffnet.

(Foto: SZ)
  • Wastl Fanderl gilt als Papst der Volksmusik: Er sammelte Volkslieder, veranstaltete Sing- und Musizierwochen, gab die Sänger- und Musikantenzeitschrift heraus, moderierte Sendungen im Radio und im Fernsehen.
  • Dennoch wird sein Erbe von Musikwissenschaftlern heute durchaus kritisch betrachtet, da sich die Neigungen der jungen Generation von den engen Vorstellungen Fanderls gelöst haben.

Von Hans Kratzer

Als Wastl Fanderl im Juni 1990 in Unterwössen seinen 75. Geburtstag feierte, da hielt der damalige Kardinal Joseph Ratzinger zunächst eine Predigt, und dann sang er auch noch zusammen mit der Festgemeinde den Andachtsjodler: Djo-djo-i-ri, djo-djo-i-ri . . ." Für den Jubilar war dies eine durchaus angemessene Ehrenbezeugung. Fanderl gilt in Volksmusikkreisen als eine Lichtgestalt von ähnlichem Ausmaß wie Franz Beckenbauer in der Welt des Fußballs. Am 24. Juni würde Wastl Fanderl, der 1991 gestorben ist, seinen 100. Geburtstag feiern. Dessen eingedenk wird der Verein für Volkslied und Volksmusik, den Fanderl vor 50 Jahren gegründet hat, an diesem Mittwoch mit einem großen Konzert im Münchner Hofbräuhaus an seinen unvergessenen Nestor erinnern.

Freilich wird bei diesem Anlass auch erörtert werden, dass die aktuelle Volksliedforschung das bislang uneingeschränkt bewunderte und idealisierte Lebenswerk Fanderls in ein neues Licht rückt. Vor allem der Münchner Musikwissenschaftler Tobias Grill hat das Fanderl-Bild in seiner soeben abgeschlossenen Dissertationsschrift um bemerkenswerte Erkenntnisse erweitert. "Wir müssen Fanderls Arbeit heute differenzierter betrachten", sagt Grill. Das Spektrum der Volksmusik hat sich geöffnet, die kulturellen Neigungen der jungen Generation gehen über die recht eng gefassten Vorstellungen Fanderls weit hinaus.

"Da is a Narrischer da, der sammelt Liader!"

Eigentlich sollte er Bader und Friseur werden, wie sein Vater. Fanderls Lebensweg nahm eine erste Wendung, als der Volksliedsammler Kiem Pauli eines Tages bei den Fanderls aufkreuzte. Die auf dem Anwesen wohnende Sennerin Anna Hallweger sollte dem Pauli vorsingen, rief aber in ihrer Verlegenheit Fanderls Mutter zu Hilfe: "Der Wasti soll kemma mit seiner Zither, da is a Narrischer da, der sammelt Liader!" Der "Narrische" war von Wastls Zitherkünsten allerdings nur wenig angetan. Es dauerte eine Zeitlang, bis die beiden Musikanten zusammenfanden.

Später pflegte Fanderl das Erbe des Kiem Pauli auf vielen Ebenen: Er sammelte Volkslieder, veranstaltete Sing- und Musizierwochen, gab die Sänger- und Musikantenzeitschrift heraus, moderierte Sendungen im Radio (a weni kurz, a weni lang) und im Fernsehen (Baierisches Bilder- und Notenbüchl). 1973 berief ihn der Bezirk Oberbayern zum ersten hauptamtlichen Volksmusik-Beauftragten. Fanderl wurde mit Ehrungen überhäuft. "I bin ned unschuldig, wenn d'Volksmusik wieder an bisserl Mode worn is", sagte er mit Stolz.

Ein leidenschaftlicher Streiter für die reine Volksmusik

Wastl Fanderl kannte jedoch keine Kompromisse. Er war ein leidenschaftlicher Streiter für die reine Volksmusik, die er mit geradezu fundamentalistischem Eifer gegen äußere Einflüsse und Verwässerung verteidigte. Volkstümliche Musik, die im Fernsehen ein Millionenpublikum begeisterte, war ihm ein Graus. "Das ist Prostitution für den Fremdenverkehr", schimpfte er in seiner unverblümten Art.

"Fanderls Ideale entsprachen absolut dem Zeitgeist der Nachkriegsjahre", sagt Tobias Grill. Die damalige Heimatbewegung bemühte sich um eine bayerische Identitätsbildung. In einem Aufsatz zu einer Liederserie in der Zeitschrift Almfried stilisierte Fanderl kurz nach dem Krieg das Volkslied zur Festung gegen Kultur- und Identitätsverlust während der Besatzungszeit. "Das echte Volkslied gehört zum wertvollsten Gut unserer Heimat", schrieb Fanderl. "Niemand kann es uns nehmen, so wie unsere ewig schönen Berge, Täler, Wälder niemals demontiert werden können. Daher dürfen wir nie aufhören, unser Volkslied zu erhalten, damit es nicht ganz erstirbt in unserem Jazz-Zeitalter."

Fanderl nahm starken Einfluss auf das Bayernbild seiner Zeit

Fanderl hatte von jung auf die Schule der alten Volksmusik-Ideologie durchlaufen, wie sie in Bayern vor allem durch den Kiem Pauli und den Musikforscher Kurt Huber vertreten wurde. Gerne verwies er auf Tobi Reiser, der gesagt hatte: "Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menschen, wenn man in ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht die, die sie haben sollen." Zweifellos nahm Fanderl starken Einfluss auf das Bayernbild seiner Zeit. "Sein Ruf als Volksmusik-Papst verschaffte ihm massive Präsenz in den Medien", sagt Grill.

Fanderl war auch in den großen Illustrierten ein Thema. "Beim Wastl gibt es keinen falschen Ton", titelte die Fernsehzeitschrift Hör Zu anno 1953. Und der Gong tönte 1964 über Fanderl: "Bayern wie's im Notenbüchl steht." Die aus heutiger Sicht fast bornierte Sicht der Volksmusik, die nichts anderes gelten ließ, hat sich längst liberalisiert. Junge Volksmusikanten gehen heute unverkrampft mit ihrer Kultur um, nehmen gerne neue Einflüsse auf. Man muss Fanderl aus seiner Zeit heraus verstehen, seine Verdienste sind unbenommen.

Der Wastl-Fanderl-Abend an diesem Mittwoch ist ausverkauft. Bayern 1 sendet Aufzeichnungen am 15. Mai und 17. Juli, 19.05-19.55 Uhr.

© SZ vom 13.05.2015/lime
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