Auf die Frage, in welcher Form man die Geschichte der „Weißen Rose“, der Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime um Sophie und Hans Scholl, erzählen soll, fällt einem sicher nicht zuerst ein Musical ein. Dem Genre haftet, „Les Miserables“ zum Trotz, nach wie vor das Etikett der „leichten Unterhaltung“ an. Und so sind zu dem schwierigen, mit dem Tod von sechs jungen Menschen und ihres Professors verbundenen Thema viele Bücher und Kunstwerke entstanden, einige Filme und immerhin eine Oper. Aber erst jetzt, mit mehr als 80 Jahren Abstand, auch Musicals, vor Kurzem eines in Fürth und nun eines vom Füssener Festspielhaus Neuschwanstein beauftragtes.
Während die Fürther Inszenierung die Geschichte enden ließ, bevor es wirklich schmerzhaft wird, führen Vera Bolten (Buch, Songtexte, Regie) und Alex Melcher (Musik, Songtexte) ihr Ensemble bis zum bitteren Ende. Ein gefährliches Unternehmen, sind da doch viele Fallen aufgestellt: Banalisierung, Profanisierung, Romantisierung, Kitsch. Wundersamerweise gelang es dem Team bei der Premiere, fast alle zu umgehen.
Das begann mit dem minimalistischen, monochrom gehaltenen Bühnenbild (Marcus Bendel) mit variabel verwendeten Kuben und Treppen, das ganz allein von den Figuren, den Zeichnungen Sophie Scholls und den Texten der Weißen Rose belebt wird. Das setzte sich über die Musik fort, für die Melcher ganz der gewohnten Bandbesetzung und seinem Gefühl vertraute. So illustriert und verstärkt seine Musik, wenn nötig, hat aber – was jedes Musical braucht – auch echte Hits („Heut und in Ewigkeit“) auf Lager.
Und dass sich deutsche Musical-Darsteller schon lange nicht mehr vor ihren britischen, amerikanischen oder französischen Kollegen verstecken müssen, bewies auch diese zwangsläufig sehr junge Besetzung. Ob Friederike Zeidler als Sophie und Jonathan Guth als Hans Scholl, ob Adam Demetz als Alexander Schmorell, Julius Störmer als Willi Graf, Tamara Köhn als Traute Lafrenz, Juliette Lapouthe als Inge Scholl oder Oliver Natterer als Fritz Hartnagel – alle waren sie darstellerisch, tänzerisch und gesanglich überzeugend. Die wichtigen beiden Älteren, Martin Planz als Vater Robert Scholl und Kurt Huber sowie Daniel Berger in den „bösen“ Rollen als Gestapo-Mann und Roland Freisler ohnehin. Hervorheben muss man vielleicht Maximilian Aschenbrenner, wegen seiner grandiosen Tenorstimme, die der Tragik des dreifachen jungen Vaters Christoph Probst eine besondere Tiefe verlieh.
An Ende war aber natürlich Boltens Buch und Inszenierung entscheidend. Klugerweise hielt sie sich weitgehend an Originaltexte und fand für sie viele schöne, mitunter symbolträchtige Bilder. Sie arbeitete an den richtigen Stellen die passende Dramaturgie ein, vom Familientheater bis zum Thriller-Genre. Zeigte den Zwiespalt der Jugend, die zunächst von den Nazis emotional eingefangen und begeistert war, bevor Verstand, Zweifel und in diesem seltenen Fall Widerstand einsetzten.
Vor allem aber gelang es, diese außergewöhnlich klaren jungen Menschen wirklich lebendig werden zu lassen (wie auch der anhaltende Jubel bewies). Dieses nicht didaktische Kennenlernen-Können ist vielleicht das Wichtigste in einer Zeit, in der die letzten lebenden Zeitzeugen aussterben. Und Widerstand gegen braune Umtriebe wieder angesagt ist. (3. bis 6. Juli im Deutschen Theater München, sieben weitere Vorstellungen bis Ende Juli in Füssen.)

