Museum über Nürnberger Prozesse:Vor den Augen der Welt

Lesezeit: 4 min

Einblicke in den wohl berühmtesten Gerichtssaal der Welt: Das öffentliche Interesse am historischen Schauplatz der Nürnberger Prozesse ist seit Jahren groß - nun eröffnet die Stadt im Justizpalast ein Museum.

Olaf Przybilla

Als Tag für den Beginn des Weltgerichts hatten die Alliierten den 20. November 1945 festgelegt. An dem Tag reiste auch Erich Kästner nach Nürnberg, und wer seine Notizen über den Prozessbeginn gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher liest, der bekommt einen Eindruck davon, dass Sicherheitsvorkehrungen beileibe keine Erfindung des 21. Jahrhunderts sind. "Nur Menschen mit Spezialausweisen dürfen passieren. Im Erdgeschoss ist scharfe Kontrolle. Im ersten Stock ist scharfe Kontrolle. Endlich stehe ich im Saal", berichtete Kästner in der Neuen Zeitung .

Zeugenaussage Oswald Pohl

Das Gerichtsgebäude wurde abgeriegelt. Die Alliierten griffen auf den Saal 600 zurück, weil der Justizpalast samt Gefängnis unzerstört geblieben war. Dort fanden auch Nachfolgeprozesse statt, etwa gegen Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungsamtes.

(Foto: Museen der Stadt Nürnberg)

65 Jahre und einen Tag danach dürfte das am Sonntag kaum anders sein im Justizpalast an der Fürther Straße. Zur Eröffnung des "Memorium Nürnberger Prozesse" erwartet die Stadt mehrere Staatsgäste, darunter auch Außenminister Guido Westerwelle und seinen russischen Amtskollegen Sergej Wiktorowitsch Lawrow.

"Der Saal ist warm, luxuriös, er glänzt in seidigem Licht", so notierte Kästners US-Kollege John Dos Passos für die Zeitschrift Life . Auch das dürfte am Sonntag ähnlich sein, die Zahl derer aber, die im Saal Platz nehmen dürfen, wird wesentlich geringer sein als noch 1945.

Denn für den Prozess gegen 21 NS-Kriegsverbrecher hatten die Alliierten Tribünen einbauen und die hintere Wand des Schwurgerichtssaals einreißen lassen, Journalisten - darunter Kästner, Dos Passos und Willy Brandt - konnten das Geschehen dadurch vor Ort verfolgen. Am Wochenende werden Berichterstatter in kleineren Sälen sitzen und die Reden auf Leinwänden verfolgen. "Der Saal 600 ist für die internationalen Delegationen reserviert", sagt Hans-Christian Täubrich.

Täubrich ist der Mann, der das Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vor neun Jahren als Leiter eröffnet hat, das Interesse war damals ähnlich immens. Im letzten Ausstellungsraum des Doku-Zentrums ist zwar verwiesen auf die "Nürnberger Prozesse", befriedigend aber war diese Lösung nie.

Seit die Stadt offensiv für den Besuch der NS-Ruinen von Nürnberg wirbt, wurde der Leidensdruck noch größer. "Immer wieder standen Touristen aus den USA oder aus Israel vor dem Schwurgerichtssaal, mussten aber weggeschickt werden", erzählt Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema