Süddeutsche Zeitung

Regensburg:Ein gutes Museum

Selten zuvor wurde ein Wettbewerbssieger so abgewatscht. Dabei ist das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg funktional - und außen fast zu schüchtern.

Die Stoppuhr, die das Handy ja auch noch ist, zeigt am Ende der betont laaaaangsam eingestellten Rolltreppe die Ziffernfolge 01:35,47 an. Mehr als anderthalb Minuten, um vom großzügig dimensionierten, überlegt proportionierten und hintergründig gestalteten Foyer ins Obergeschoss der Dauerausstellung zu gelangen: Das ist ziemlich viel Zeit. Weshalb man sich im neuen Museum der Bayerischen Geschichte lange mit dem prominent wie die Fontana di Trevi in Rom platzierten Knuddel-Löwen beschäftigt, den man durch fensterartige Durchblicke in den Blick nehmen kann.

So bekommt man mit, wie er elektrifiziert einen irdenen Masskrug in die Höhe stemmt. Als wollte er daran erinnern, dass man dem Münchner Oktoberfest und seinem längst zu Tode fotografierten Löwenbräu-Mas(s)kottchen auch in Regensburg und an der Donau nicht entkommt. Eine große Katze und ein hopfenhaltiges Kaltgetränk, und dann nicht mal vom Tegernsee oder aus der Augustiner-Brauerei: Ist es das, was Bayern ausmacht?

Ein Prosit der Robustheit

Sagen wir so: Zumindest die widerstandsfähige Architektur der Museumshalle überlebt diesen Anschlag bravourös, der es schafft, gleichzeitig Ironie und Kitsch-as-kitsch-can zu sein. Ein Prosit der, wenn nicht Gemütlichkeit, so der Robustheit.

Damit ist ein Thema angesprochen, dem das von wtr-Architekten (Petra Wörner, Stefan Traxler und Martin Richter) entworfene Gebäude-Ensemble in hohem Maße nach innen gerecht wird: Es ist ein in funktionaler Hinsicht so durchdacht organisiertes und räumlich so stabil als Rahmen taugliches Gebilde, dass es von der Museumscrew und Besuchern in idealer Weise bespielt werden kann. Gute Architektur erweist sich ja immer auch daran, dass sich das bisweilen sehr spezifische Leben darin frei entfalten kann. Das ist hier der Fall. Das Museum ist ein gutes Museum, es dient seinem Inhalt. Bisweilen mit stoischem Gleichmut.

An dieser Stelle ist neben den Architekten auch den Ingenieuren ein Kompliment zu machen. Eine 2500 Quadratmeter umfassende, stützenfrei konstruierte, daher variabel einsetzbare Ebene unter dem Diktat einer stadträumlich angenehm modulierten Dachtopografie, die zugleich Ausdruck ist der musealen Inszenierung - und alles zusammen im energetischen Passiv-Standard: Das ist eine hochrespektable Leistung.

Übrigens ist die Rolltreppe vor allem deshalb so langsam, weil man unterwegs per Audioinstallation (Pferdegetrappel, Kampflaute) mit den Napoleonischen Kriegen vertraut wird, damit Bayern als "irdisches Paradies" unter der "schlechtesten aller schlechten Regierungen Europas", so ein damaliger Beobachter, pünktlich im Jahr 1806 beginnen kann. Das ist das Jahr, in dem Bayern gnädigerweise von einem kleinen Franzosen nach dem Sieg gegen Österreich als schlawinerhaft illoyaler Bündnispartner zum Königreich ernannt wird. Die Kosten dafür sind offenbar gering aus neuköniglicher Perspektive: tote Bayern an fremden Fronten - und der bald anstehende Bankrott des neuen Königreiches wegen absurder Militärausgaben. "Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben", sagt man in Bayern.

Man tritt jetzt weder dem auch selbst herrlich bajuwarisch anmutenden Museumschef Richard Loibl noch den Architekten oder den Ausstellungsgestaltern (HG Merz Architekten) zu nahe, wenn man festhält: Was architektonisch ab der Königsklasse passiert, erinnert erst mal stark an Ikea. Doch, das ist ein Lob. Denn die nun folgenden zwei Jahrhunderte durchwandert man auf inszenatorisch meist anregende, mitunter begeisternde, aber stets aufgeräumte Weise.

So unbeirrbar wie man dem Jakobsweg bei Ikea von Ivar über die Bettwäsche bis zum Grünzeug folgt, durchwandert man auch die Bayern-Historie auf ebenso simple, wie zugleich verblüffende Weise. Stets ist man orientiert und Herr der Chronologie - und doch immer in Spannung und Bereitschaft, sich auf Unverhofftes einzulassen.

Was die Didaktik angeht: Die Architektur verhilft dem Museum zu einem erhellenden Auftritt. Obwohl es recht dunkel ist. Logischerweise. Die Objekte vertragen kein Tageslicht. Und Kunstlicht nur in Maßen. Nur: Die inhaltlich gut lesbaren Erläuterungen sollten, das ist mit Spots möglich, auch lichttechnisch gut lesbar sein - und sich auch nicht zu oft in Kniehöhe befinden. Hier wäre nachzujustieren.

Was sich für das Haus verbietet. Es ist fertig. Daher kann die Frage beantwortet werden, ob das Museum in Wahrheit ein Parkhaus, ein Monster, ein Klotz oder ein sonstiger Skandal im Unesco-Erbe geworden ist. Das alles war zu lesen und zu hören. Selten zuvor wurde eine Architektur, die sich in einem international besetzten Wettbewerb unter Hunderten Bewerbern durchgesetzt hat, von der Öffentlichkeit vorab so abgewatscht.

Um es kurz zu machen: Nein, das Haus ist kein Skandalon - und Regensburg ist immer noch eine schöne Stadt. Dennoch stellt sich die Frage, warum man dem Haus in seinem grauen Keramikkleid so wenig Begeisterung entgegenbringt. Und auch so wenig Verständnis. Gar Liebe.

Wer den Löwen im Foyer übersieht (anzuraten), der kann den fein texturierten Putz studieren, die gerautete Decke in lichter Höhe, die Platz- und Gassengestaltung eines einladend halböffentlichen Raumes, der sich überzeugend auf die Geschichtlichkeit des Ortes bezieht und Stadt und Fluss verbindet - und so begreift man bald, dass sich das Haus zurücknimmt. Das Museum will sich anpassen und einfügen. Das ist paradoxerweise ein Fehler.

Es ist schlicht zu voluminös, um sich so detailverliebt auf Mimikry, Sechs-Zentimeter-Raster (der Rhythmus der Fassaden-"Lattung"), Zitat und Kontext einzulassen. An sich wäre die Größe kein Problem, denn an der Donau ist auch Ausgreifendes denkbar. Die machtvollen Speicherarchitekturen am Strom belegen das. Zum Verhängnis wird das Missverhältnis aus Größe, Zeitgenossenschaft und Schüchternheit. Um sich einzufügen, müsste der Bau dominanter sein. Klingt seltsam. Doch Museen (oder Kirchen) sind selten Nebenfiguren, sondern meist Solisten. Zumal in solch exponierten Lagen. Das Gebäude ist also nicht zu autistisch, sondern im Gegenteil eigentlich nicht präsent genug, um ganz zu überzeugen. Es ist noch nicht ganz da, um wirklich da zu sein.

Dieses Haus hat entgegen seiner formalen Zeitgenossenschaft Angst davor als gegenwärtig aufzufallen. So fällt es erst recht auf. Es ist, als hätte das Gebäude Angst vor sich selbst. Es ist dennoch ein dienliches und zweckdienliches Haus. Zu einem großen Haus, zu einer Adresse, einem Wahrzeichen kann es nur werden, wenn die Regensburger nun die Einladung des wunderbarerweise an der Donau geschaffenen öffentlichen Raumes und die der populär gehaltenen Ausstellung annehmen. Aus mancher Perspektive kommt einem das Museum vor, als würde es leblos schlafen. Vielleicht muss es nur geweckt werden.

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SZ vom 04.06.2019/bica
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