Mundart Ludwig Thomas "Heilige Nacht" ist mehr als nur Adventsfolklore

Bauliches Pendant zur "Heiligen Nacht" von Ludwig Thoma: Die Stille-Nacht-Kapelle Oberndorf.

(Foto: Johannes Simon)
  • In einer tiefen persönlichen Krisen schrieb der bayerische Dichter Ludwig Thoma 1916 die Weihnachtslegende "Heilige Nacht".
  • Kaum ein Text ist so gründlich verkitscht worden.
  • Nun gibt es eine neue puristische Aufnahme des Stücks, die man am 18. und 19. Dezember auch live erleben kann.
Von Hans Kratzer

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs steckte der Dichter Ludwig Thoma in einer tiefen Krise. Seine Ehe mit der Tänzerin Marietta de Rigardo war gescheitert, sein bester Freund, der Künstler Ignaz Taschner, war jung gestorben. Um der Leere zu entfliehen, meldete sich Thoma freiwillig an die Front, wo er an der Ruhr erkrankte und bald in die Heimat zurückkehrte. Er stürzte sich in die Schreibarbeit. Umfangen von seiner seelischen Not, verfasste Thoma vor hundert Jahren die bis heute populäre Weihnachtslegende "Heilige Nacht".

So heimelig dieses Stück auch wirken mag, so kommt darin dennoch auf erschreckende Weise die Zerrissenheit der modernen Welt zum Ausdruck. Ludwig Thoma hat großartige Romane und Erzählungen verfasst, zeitlos in ihrem Stil und ihrer Quintessenz. Aber er war eben auch der Urheber von menschenverachtenden Hetzartikeln im Miesbacher Anzeiger.

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Immer wenn die Stadt München im Advent auf die Tuften, Thomas Wohnhaus in Rottach am Tegernsee, zur Lesung der "Heiligen Nacht" einlud, trat dieser Widerspruch geradezu schmerzhaft zutage. Die "Heilige Nacht" zählt zum Anrührendsten und Feinfühligsten, was je in bayerischer Mundart geschrieben wurde. Doch der Verfasser verstand sich auch auf Texte voller derber Menschenverachtung. In Thomas Werk offenbart sich ein unauflösbarer Zwiespalt.

Ungeachtet dessen ist die "Heilige Nacht" ein fester Bestandteil der bayerischen Adventsfolklore. Es hatte freilich keine Chance, sich der Verkitschung zu entziehen. Auch ist es aufgrund von unzähligen Reproduktionen im globalen Weihnachtswahnsinn ein extrem durchgenudeltes, ausgelaugtes Stück. Bei kaum einem Text wird so viel falsch gemacht, falsch intoniert, sentimentalisiert, vokalisiert, fehlinterpretiert wie bei der "Heiligen Nacht".

Umso erfreulicher, wenn sich ab und zu eine Aufnahme aus der Masse der Belanglosigkeit heraushebt, wie zuletzt die CD "Heilige Nacht", die der BR-Moderator Andreas Estner mit den Grassauer Bläsern aufgenommen hat (Estner, Andreas & Grassauer Blechbläser: Heilige Nacht v. Ludwig Thoma, 2016, Bogner Records). "Es ist eine schlanke Version", wie Estner sagt, ein Purismus, der dem Stück gut tut.

Denn Kitsch verbietet sich hier von Haus aus. Immerhin wird in der "Heiligen Nacht" eine beinharte Geschichte erzählt. Sie handelt vom Überlebenskampf einer schwangeren Frau, die stundenlang bis zur völligen Erschöpfung durch das winterliche Bayern stapft. Thoma hat die Weihnachtsgeschichte in die bayerischen Alpen verlegt und sich somit der hiesigen Sprache und Tonalität bedient. Er erzählt von der schwierigen Herbergssuche und von reichen Menschen, denen das Herz hart geworden ist. "So etwas kann man nicht zu süßlich und lieblich sprechen", sagt Estner.

Estner hat deshalb die "Heilige Nacht" in jener Tonart intoniert, die zwischen dem Isarwinkel und dem Tegernseer Tal gesprochen wurde und die auch Ludwig Thoma gekannt hat. Estners Großeltern sprachen ebenfalls noch so. "Ich bin ja bei den Großeltern aufgewachsen, deshalb habe ich diesen Dialekt schon als Kind inhaliert."

Was aber denkt er über den umstrittenen Autor? "Ich hab viel darüber nachgedacht", sagt Estner. "Es ist ähnlich wie bei Richard Strauß, die Verstrickung mit dem Bösen ist zwar auch bei ihm gegeben, aber die Musik ist trotzdem großartig. Mit dem Zwiespalt muss man einfach leben."

Wie Thoma auf die Idee zu dem Stück kam

Der Volksschauspieler Bertl Schultes (1881-1964) hat einst festgehalten, wie Thoma auf die Idee zu dem Stück kam. "Thoma war mit seinem Jäger in seinen Tegernseer Bergen. Eisig kalt war es und der starke Schneefall nahm den beiden die Sicht . . . Schneeflocken legten sich lautlos auf die Erde . . . Auf einmal hörte der Jäger, wie Thoma vor sich hinsagte: Im Wald is so staad, alle Weg san verwaht."

Daheim auf der Tuften über dem Tegernseer Tal begann Thoma die Weihnachtslegende meisterhaft niederzuschreiben, wobei er sie mit sozialkritischen Untertönen würzte. Inspiriert wurde er auch von der alten Jägerromantik, die er als Bub in den Forsthäusern Oberammergau und Vorderriss zwischen winterlichen Bergen, Jägern und Holzknechten aufgesaugt hatte. Bald wurden die vierzeiligen, von Gesängen begleiteten Strophen zum Volksgut. "Ich habe das Buch mühelos geschrieben und hatte niemals darum Sorge zu tragen, daß der Ton echt blieb. Deswegen macht es mir auch selber ungetrübt Freude", schrieb Thoma im Dezember 1916.

Thoma war nicht der einzige, der es wagte, die biblische Weihnachtsgeschichte ins verschneite Oberland zu verlegen, auch die barocken Krippenmeister hatten das getan. Über Jahrhunderte hinweg entstanden in Bayern, in Salzburg und in Tirol viele Weihnachts- und Hirtenspiele. Die Autoren dieser religiösen Theaterstücke wollten das Neue Testament so erzählen, dass sich jeder etwas vorstellen konnte - auch Menschen, die nie über ihr Dorf hinausgekommen sind, sollten sich ein inneres Bild machen und tief berührt werden.

Sogar den raubeinigen Dichter Oskar Maria Graf hat die "Heilige Nacht" berührt: "Es mag mir vielleicht als Rührseligkeit ausgelegt werden, wenn ich gestehe, dass ich die Heilige Nacht beim Lesen so empfinde, als säße ich als Kind wieder daheim in der warmen Stube und sähe all das Göttliche dieser Legende so menschlich und geheimnisvoll, als wär es etwas, das jedem von uns geschehen könnte."

Wer den Zauber in einer puristischen Form erleben möchte: Am 19. Dezember (20 Uhr) gastieren Andreas Estner und die Grassauer Bläser im Klostersaal Fischbachau. Am 18. Dezember (17 Uhr) gibt es die "Heilige Nacht" im Schloss Blutenburg in München (Rupert Rigam und Warngauer Familienensemble).

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