Kürzlich war der stellvertretende Ministerpräsident in Münnerstadt, mitgebracht hat er einen üppigen Förderbescheid. Wasserstoff aus Bayern für Bayern soll es dort künftig geben, fünf Millionen Euro fließen dafür nach Münnerstadt. Im Nordosten der Kommune entsteht derweil ein interkommunaler Bürgerwindpark, mindestens einer der leistungsfähigsten im Freistaat, auch nicht schlecht. Läuft also in Münnerstadt, klimapolitisch.
Historisch war das Städtchen in erster Linie für eine herausragende Tanzszene unweit der ehemaligen DDR-Grenze bekannt, heute spricht man über örtliche Ökoprojekte. Und wie das immer so ist: Am Ende stellen sich viele mit aufs Foto, wenn die Förderurkunde überreicht wird. Davor aber hat sich halt erst mal einer kümmern müssen darum, und möglichst einer, der etwas davon versteht. Was in Kleinstadtrathäusern keine Nebensächlichkeit ist, Expertise in Spezialfragen ist da naturgemäß kein extrem weitverbreitetes Gut.
In Münnerstadt dagegen haben sie in den vergangenen fünf Jahren einfach gewusst, bei wem sie in solchen Fragen anklopfen können. Ihren Klimakümmerer hätten sie Stefan Richter nennen können, sie nannten ihn aber „Klimamanager“. Klingt halt seriöser.
Ein geförderter Posten, dessen Förderung jetzt ausläuft. Weshalb der Kümmerer nun gehen muss. Die Kleinstadt ist klamm, sogar auf Stabilisierungshilfe (samt Auflagen) angewiesen. Und zwar dürften auch in Münnerstadt die allermeisten ahnen, wie wichtig Klimaschutz ist. Wie wichtig es überdies ist, Projekte nicht nur anzuleiern, sondern dann auch zu begleiten. Wissen alle. Aber eben nur so grundsätzlich. Ganz konkret ist gerade nicht genug Geld da. Und also: Der Kümmerer hat seine Schuldigkeit getan.
In Universitätsstädten würden sich in so einem Fall sicher junge Menschen finden, Leute, die darauf hinweisen, dass wir alle so nicht weitermachen können. Aber bitte, das ist Münnerstadt, Nordrand von Unterfranken, 7500 Einwohner, Tendenz sinkend.

Und also, findet Bärbel Will, muss sie halt selbst ran in diesem Fall. Klar, sie ist 83 Jahre alt, eine Demo hat sie noch nie im Leben angeleiert („um Gottes willen“). Aber einmal ist ja immer das erste Mal, also hat sie jetzt mal eine angemeldet. Nach mehr als acht Jahrzehnten Leben: erstmals Aktivistin.
Inklusive Lagebesprechungen, wer wann wo was aufbaut, sich eben kümmert. Frau Will ist gerade ziemlich in Aktion. Ihr Plan: Vor der letzten Stadtratssitzung in dieser Legislatur am 27. April sollen alle, die das Beenden einer erfolgreichen Sache keine komplett von der Vernunft gedeckte Idee finden, auch und gerade nicht in der Krise, sollen also alle zum Rathaus von Münnerstadt kommen und sich gefälligst jetzt mal um ihren Kümmerer kümmern.
Sie habe den allerhöchsten Respekt vor der Arbeit von Stadträtinnen und Stadträten, sagt Bärbel Will, eine hohe Verantwortung. Es gehe bei ihrem Protest „Für ein gutes Klima in Münnerstadt und anderswo: Unser Klimamanager Stefan Richter muss bleiben“ auch beileibe nicht um Besserwisserei, Wut oder gar Schaum-vorm-Mund. Bei ihrer ersten Demo-Orga gehe es ihr einfach nur: um Vernunft.


