Süddeutsche Zeitung

Tubaspieler Andreas Hofmeir:Eintreten in den Sumpf

Der Tuba-Virtuose Andreas Hofmeir erhält den bayerischen Staatspreis für Musik. Ein Gespräch über seinen Intim-Freund Markus Söder, Spuckschutz für gefährliche Bläser und Corona-Korruption.

Interview von Michael Zirnstein

Andreas Martin Hofmeir hat ohnehin schon schwer zu tragen - an seinem gewaltigen Instrument. Jetzt schultert der multipel begabte Münchner Tubist auch noch die Würde des Bayerischen Staatspreises für Musik, den er zusammen mit Ana Chumachenco, den Bamberger Symphonikern, dem Monteverdichor Würzburg und Gloria Brass verliehen bekommt.

SZ: Sind Sie jetzt endlich in die CSU eingetreten?

Andreas Martin Hofmeir: Ich sitze jeden Tag vier Stunden über dem Antrag und grüble. Ich bin mir halt nicht sicher, ob ich würdig bin, demselben Verein anzugehören wie die Lichtgestalten Scheuer, Dobrindt, Blume, Tandler, Sauter, Nüßlein ... Wie viel Platz haben wir für dieses Interview?

Einigen. Es geht schließlich um Staatstragendes. Dabei haben Sie dem Ober-Linken Gregor Gysi als Gast Ihrer Satire-Show "Wer dabloast's" noch gezeigt, wie man mit der Tuba den Horst Seehofer niederbläst.

Das war sogar am Abend der Bundestagswahl 2017, in Ingolstadt! Was glauben Sie, was ich für einen Rüffel aus der Stadtspitze bekommen habe. Die Angst der dortigen CSU, wegen dieser meiner Aktion die Wahl zu verlieren, war enorm.

Im Internet haben Sie behauptet, Markus Söder habe Sie persönlich mit einem "verkürzten Nibelungen-Ring" anstatt der ausgefallenen Bayreuther Festspiele beauftragt und als Beweis einen fadenscheinig kopierten Brief dazu gestellt. Nicht Ihr Ernst!

Dass Sie unserem Landesvater so wenig Kulturverständnis zutrauen, stimmt mich traurig. Sie wissen doch: Herr Dr. Söder hat immer die besten Ideen. Und die Ringfassung für unbemannte Bühne, einen toten Drachen und Tuba solo war gleich zu Beginn eine prophetische Idee. Wer hätte damals ahnen können, dass solchen Kulturkonzepten die Zukunft gehören wird? Übrigens hat mir der Ministerpräsident bereits mehr als 50 Briefe geschrieben. Nach der Bundestagswahl kommen sie als Buch raus, dann machen wir unsere tiefe Freundschaft endlich öffentlich.

Darf man als kritischer Kabarettist überhaupt eine Auszeichnung aus der Staatskanzlei annehmen?

Es ist meine staatsbürgerliche Pflicht! Wenn ich den Preis ablehne, würde mich der Dr. Dr. Söder doch in der Pressekonferenz ganz süffisant bloßstellen.

Es werden auch die Bamberger Symphoniker geehrt, mit denen Sie ab und zu spielen. Damit werden Sie quasi doppelt ausgezeichnet.

Jetzt wo sie es sagen: Ich werde die Verdopplung meines Preisgeldes anfragen.

Ist der Preis nicht undotiert?

Mag sein. Aber es ist immer noch einer der höchst dotierten bayerischen Kulturpreise.

Die Kulturbranche beklagt oft, keine Lobby zu haben. Jetzt haben Sie einen heißen Draht ins Kunstministerium. Was werden Sie durchsetzen?

Mal schauen, da muss ich mal mit Herrn Sibler in trauter Runde in der Landtagskantine ein Wort wechseln. Der Empfang nach der Vergabe ist ja coronabedingt abgesagt, die Trophäe muss man sich selber von einem desinfizierten Ort aufklauben. Der Kontakt zwischen Politik und Kulturschaffenden wird so mal wieder aufs Wunderbarste symbolisiert. Schauen Sie: Die blühende Kulturlandschaft in Deutschland war eine Antwort auf den Nationalsozialismus: Eine Gesellschaft mit breiter kultureller Bildung, kreativer Individualität und großer Diversität macht es unmöglich, dass so etwas sich wiederholt.

Je mehr das Angebot aber nachlässt, je mehr die Gesellschaft abstumpft und in die sozialen Netzwerke verschwindet, desto wahrscheinlicher wird wieder die populistische Verführbarkeit. Siehe Trump, siehe Orban, siehe Kurz. Deshalb hassen diese Menschen auch die kulturelle Freiheit. Wir brauchen deshalb vor allem: Viel mehr Musik- und Kunstunterricht in den Schulen, viel mehr organisierte Theater- und Konzertbesuche. Das ist wichtig.

Sie sind weltreisender Musiker, Kabarettist, Buchautor, Professor und als Leiter der Ingolstädter Kleinkunsttage auch Veranstalter. Fühlen Sie sich bei all dem im Stich gelassen von der Staatsregierung in der Coronakrise?

Im Stich gelassen wäre der falsche Ausdruck. Ich bin nicht arm, ich überlebe auch eine solche Krise. Aber wenn man sieht, wie viele Unternehmen, wie viele Politiker sich saniert haben auf Kosten der Allgemeinheit, fällt es schon deutlich schwerer, die großen Verluste mit einem Augenzwinkern hinzunehmen.

Sie spielen vorwiegend Klassik und Jazz, meist vor sitzendem Publikum, was Söder gerade noch erlaubt. Wieso hat er so viel Angst vor Pop und Rock, als wären wir in den USA der Fünfzigerjahre?

Also bitte, wir haben Corona! Wenn die Leute geimpft sind, in großen Abständen sitzen, Maske aufhaben, dann kann man schon mal ein Auge zudrücken. Aber stellen Sie sich mal vor: Menschen schreien, tanzen, liegen sich in den Armen, womöglich sogar 14 000 auf einmal, vielleicht sogar in einem Fußballstadion! Gut, dass unsere Regierung da nicht mit zweierlei Maß misst.

Ist die Tuba ein Corona-taugliches Instrument? In der Pandemie haben sich Bläser sockenartigen Spuckschutz über die Instrumente gestülpt, was ja wohl kaum gegen Aerosole hilft.

Die Tuba ist ein über fünf Meter langes Rohr. Bis da ein Aerosol am Ende wieder herauskommt, ist es bereits am Grünspan erstickt. Allerdings muss man aber auch sagen, dass ein über den Trichter gestülpter Socken bei manchem Klang auch nicht mehr viel kaputtmachen kann. Und zumindest konnten die Posaunisten nicht mehr ihren Müll in die Tuba schmeißen.

Hat das Publikum besonders Angst vor Bläsern?

Nein. Nur die Politik.

Tubaprofessor am Mozarteum und jetzt auch noch Staatspreisträger. Hätten Sie's gedacht vor 20 Jahren?

Mei, wahrscheinlich nicht. Aber das sind halt immer Dinge, mit denen man rechnen muss.

Stimmt es, dass Sie Ihren Echo-Klassik als Klorollenhalter missbrauchen? Was haben Sie mit dem Staatspreis für "professionelles Musikmachen" vor?

Ich hab ihn mir gerade angeschaut, er eignet sich wohl am ehesten als Seifenspender.

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