Buch über die Krautrock-Pioniere Popol VuhDer Glücksfall für Werner Herzog

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Florian Fricke (rechts), hier mit Bettina von Waldthausen und Frank Fiedler 1971 zu sehen, gewann als Jugendlicher Klavierwettbewerbe. Mit „Popol Vuh“ wurde er berühmt.
Florian Fricke (rechts), hier mit Bettina von Waldthausen und Frank Fiedler 1971 zu sehen, gewann als Jugendlicher Klavierwettbewerbe. Mit „Popol Vuh“ wurde er berühmt.
Steffen Metzner

Mit ihrer Filmmusik für Werner Herzog wurden „Popol Vuh“ weltweit bekannt. Nun gibt es das erste Buch über die Münchner Krautrock-Pioniere.

Von Jürgen Moises

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Was ist die ekstatische Wahrheit? Nun, für Werner Herzog ist es das, worum sein filmisches Schaffen kreist. Erreichen lasse sich die damit gemeinte „tiefere Schicht von Wahrheit“ nur durch „Stilisierung und Inszenierung und Erfindung“. So hat es Herzog, der vom 12. bis 14. Dezember mal wieder im Münchner Filmmuseum zu Gast ist, um den nach ihm benannten Filmpreis zu verleihen, einmal formuliert. Was Herzog bei zahlreichen seiner Filme ebenfalls geholfen hat, etwas in deren Bildern Verborgenes sichtbar zu machen, etwas, das „ganz tief in der Dunkelheit unserer Seele liegt und schlummert“, ist die Musik der Münchner Krautrock-Pioniere Popol Vuh. Weswegen er diese an anderer Stelle einmal „einen Glücksfall für mich“ genannt hat.

Hören kann man diese Seelenmusik etwa am Anfang von „Aguirre, der Zorn Gottes“. Herzogs Abenteuerfilm von 1972 über eine spanische Expedition auf der Suche nach El Dorado mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. „Aguirre“ beginnt im Himmel. Das heißt: Dort oben schwebt die Kamera und nimmt eine Gruppe von Menschen in den Blick, die einen Gebirgspass in den Anden erklimmt. Dazu erklingt eine Art Himmelschor, der aber nicht aus menschlichen Kehlen stammt. Sondern aus der sogenannten Chor-Orgel und damit aus einem heute legendenumwobenen Instrument. Der österreichische Tonmeister Herbert Prasch hat es erfunden. Es arbeitete mit Tonschleifen, analogen Samples, und gilt heute als verschollen. Gespielt hat die Chor-Orgel Florian Fricke. Der zentrale Kopf hinter Popol Vuh.

Erfahren kann man das in „Popol Vuh. Die Klangwelten des Florian Fricke“ von Michael Fuchs-Gamböck und Michael Joseph. Und auch sonst, was für ein Klangvisionär der 1944 in Lindau geborene, ausgebildete Pianist, Komponist und Dirigent war, der 2001 in München an den Folgen eines Schlaganfalls starb. Das bei der Edition Kopfkiosk erschienene Buch ist das allererste über Popol Vuh und Fricke. Und das, obwohl die Bandgeschichte bis ins Jahr 1969 zurückreicht. Bei Herzog hat Fricke sogar schon 1967 mitgewirkt, in dessen Debüt-Film „Lebenszeichen“, der am 14. Dezember im Filmmuseum läuft. Darin sieht und hört man Fricke vor der Kamera Chopin spielen.

Für das ehemalige Wunderkind, das mit 13 erste Klavierwettbewerbe gewann, eine leichte Übung. Es führt aber zugleich Frickes „klassisches“ Erbe vor, das, wie Fuchs-Gamböck und Joseph anschaulich zeigen, auch in der Musik von Popol Vuh immer wieder durchscheint. Für eine Karriere dort war ihm die Klassikwelt aber zu eng. Was Fricke in der Musik suchte, das waren Schönheit, Freiheit und das Spirituelle, was er stattdessen bei den Stones, Frank Zappa oder in der indischen Musik fand. Oder im legendären Moog-III-Synthesizer, der auf den ersten beiden Popol-Vuh-Alben zu hören war. Und damit zum ersten Mal in Deutschland überhaupt.

Dieses Monstrum mit mehr als 100 Drehknöpfen, Schaltern und Verbindungskabeln lernte Fricke durch den Komponisten Eberhard Schoener kennen, den er als Journalist traf. Denn noch vor der Zeit mit Popol Vuh hatte Fricke als Musikkritiker gearbeitet. Unter anderem für die SZ, unter den Fittichen von Joachim Kaiser. Was den Moog angeht: Der war allenfalls zu zweit und auch so nur schwer zu bändigen. Frank Fiedler war es, der Fricke hier als Techniker half und allgemein bei Popol Vuh eine wichtige Rolle spielte. Weitere wichtige Begleiter waren die Gitarristen Conny Veit und Danny Fichelscher, die beide genauso wie Fiedler als Weggefährten von Fricke im Buch zu Wort kommen.

Tatsächlich gehörte auch der in Dießen lebende Michael Fuchs-Gamböck zu Frickes Weggefährten. Beide waren seit den Neunzigern enge Freunde. Beim Eichstätter Musiker, DJ und Journalisten Michael Joseph gab Popol Vuhs Soundtrack für Herzogs „Nosferatu“ vor Jahren den Anstoß. Wie wegweisend Popol Vuhs elektronische Experimente für Bands und Musiker wie Kraftwerk, Can, Brian Eno oder Steven Wilson waren, machen die Autoren deutlich. Sie zeigen aber auch auf, wie Fricke danach zurück zum Analogen, zu einer von Christentum und Fernost inspirierten Klangmystik und vor seinem frühen Tod zurück zur Elektronik fand. Und wer nun neugierig auf diese Klangwelten geworden ist: Das britische Label Cherry Red Records bringt derzeit zentrale Werke von Popol Vuh wieder neu heraus.

Michael Fuchs-Gamböck, Michael Joseph: Popol Vuh. Die Klangwelten des Florian Fricke, Edition Kopfkiosk, 16 Euro

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