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Geschichte:Der gemütliche Alltag in der Nazi-Diktatur

Titel: Jahre der Verführung; Untertitel: Farbfilme aus Bayern 1931 - 1939;

An der schönen blauen Donau: Uniformierte blicken bei der "Ordinari-Fahrt" 1938 auf die St. Ägidius-Kirche in Grein. Das Bild stammt aus dem Film eines zeitgenössischen Amateurfilmers.

(Foto: Agentur Karl Höffkes/BR/DOKfilm Fernsehproduktion GmbH)

Zwei Regisseurinnen haben Privatfilme aus den Jahren 1931 bis 1945 gesichtet. Diese zeigen - alle in Farbe - wie nah das Banale und der Terror in der Zeit waren.

Ein ländliches Familienidyll im Allgäu: Die Mutter arbeitet im Garten, die beiden Töchter im Teenageralter pinseln dekorative Motive auf Holz; Vater und Sohn rudern über den See, die Tafel der Familie ist üppig gedeckt. Es ist unübersehbar: Diese Menschen stehen auf der Sonnenseite des Lebens.

Wenige Jahre später heiratet die Tochter Susanne. Es ist Sommer, die Sonne bringt das weiße Kleid der Braut zum Leuchten, stolze Brauteltern, die Hochzeitsgesellschaft feiert ausgelassen. Und der Bräutigam? Ist natürlich stolz auf seine fesche Braut, und er selbst sieht auch schneidig aus in seiner SS-Uniform. Die beiden passen bestens zusammen. Die Ehegenehmigung des Rasse- und Siedlungshauptamts hat dem SS-Mann bescheinigt, dass das rassische Erbgut der neuen Familie überdurchschnittlich sei.

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Der Bräutigam ist aufstrebender Architekt, er hat 1934 beim gescheiterten nationalsozialistischen Juliputsch in Österreich mitgemacht, danach hat er sich nach Deutschland abgesetzt und ist jetzt SS-Obersturmbannführer. Auch die Familie seiner Braut glüht für Hitler und den Nationalsozialismus. Kein Zweifel: Es ist eine deutsche Bilderbuchhochzeit, die man am 12. August 1939 feiert. Gut zwei Wochen später überfällt die Wehrmacht Polen, es ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Filme, die das beschauliche Landleben und die Hochzeit zeigen, sind private Erinnerungsstreifen, die der Brautvater, ein Chemiker, der in der Agfa-Filmfabrik in Wolfen arbeitete, gedreht hat. Sie sind demnächst im Bayerischen Fernsehen zu sehen, neben vielen anderen Privatfilmen, die Hobbyfilmer zwischen 1931 und 1945 gedreht haben. Sie zeigen den Alltag in den letzten Jahren der Weimarer Republik, vor allem das private Leben in der NS-Zeit.

Das Besondere an den Aufnahmen ist: Sie sind allesamt in Farbe. Damit rücken die Menschen, die zu sehen sind, dem Betrachter näher als beim Schwarz-Weiß-Film; fast ist es, als wären sie Zeitgenossen, als würde man sie kennen. Und das macht es wiederum erschreckend. Die Deutschen, die Hitler zujubeln und nichts dabei finden, wenn ihre jüdischen Nachbarn verschwinden, sehen nicht aus wie kantige Blut-und-Boden-Nazis, sondern sie sind normale Menschen, die Kuchen backen, Silvester feiern, zur Sommerfrische aufs Land fahren und im Winter zum Skifahren. Wer auf der richtigen Seite steht, macht es sich gemütlich in der Diktatur.

Viele der filmischen Zeitdokumente haben Sammler und Archivare auf Dachböden oder Flohmärkten entdeckt. Über historische Archive sind sie zum Bayerischen Rundfunk gelangt. Dort haben sich die Regisseurinnen Michaela Wilhelm-Fischer und Despina Grammatikopulu an die Arbeit gemacht - und es wurde eine verdammt harte Arbeit. 22 Stunden unsortiertes und meist unbeschriftetes Filmmaterial lag vor ihnen, und wer meint, es würde genügen, die Filme nur anzuschauen und die besten Szenen zusammenzufügen, ist auf dem Holzweg.

Der größte Teil des Filmmaterials kommt aus dem Fundus zweier Familien

Die schwierigste Aufgabe war, herauszufinden, wer zu sehen ist und um welche Schauplätze es sich handelt. "Um die Bilder der Filmrollen richtig einzuordnen, haben wir manchmal Stunden damit verbracht, Kirchtürme oder markante Brunnen zu lokalisieren", berichten die beiden Regisseurinnen. "Oft wussten wir ja nicht, in welchem Dorf die Szene aufgenommen wurde." Also haben sie Stadtarchivare gefragt, Ortsansässige oder Heimatforscher - mal mit, mal ohne Erfolg.

Der größte Teil des Filmmaterials entstammt dem Fundus zweier Familien. Zum einen ist da eine Bäckerfamilie aus Dachau, die davon profitierte, dass in ihrer Region ein Konzentrationslager errichtet wurde. Der Bäckermeister belieferte die Wachtrupps mit Brot; ein wenig Menschlichkeit zeigte er dennoch, wie Zeugen nach dem Krieg bestätigten: Dann und wann steckte er den Häftlingen heimlich Brot zu. Die andere Familie - es ist jene, in die der SS-Mann einheiratete - ist tief in das nationalsozialistische System verstrickt. Nach dem Krieg floh das völkische Musterpaar nach Argentinien, später kehrten die Familie nach Deutschland zurück und lebte unbehelligt am Ammersee.

Vordergründig ist es banal, was die Filme zeigen. Wenn der Zuschauer aber erfährt, dass zur selben Zeit, in dem ein paar Freunde Badefreuden genießen, Hunderttausende Menschen in Stalingrad sterben oder in Konzentrationslagern ermordet werden, dann verwandelt sich die Banalität in einen Schleier, der den Terror kaschiert. Gelegentlich wird das Böse auch im Alltag sichtbar: Beim Nürnberger Faschingszug 1938 zeigen die Narren eine "Judenmühle": Aufgeknüpft an Mühlrädern hängen lebensgroße Puppen, mit den üblichen Stereotypen als Juden gekennzeichnet - Faschingshumor in der Nazizeit.

Das BR Fernsehen zeigt den ersten Teil ("Jahre der Verführung", 1931-1939) am 18. November, 21 Uhr, und den zweiten Teil ("Jahre des Untergangs", 1939-1945) am 25. November um 21 Uhr.

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