Sie kommen mit Depressionen, Traumata, leiden an Schizophrenie, Suchtkrankheiten oder Demenz. Die Patienten, die das KBO-Isar-Amper-Klinikum um Hilfe aufsuchen, sind so unterschiedlich wie die Therapien, die man ihnen hier anbietet. Als eines der größten psychiatrischen Krankenhäuser in der Bundesrepublik mit Standorten in und um München sichert das Klinikum nach eigenen Angaben die Versorgung für etwa 2,5 Millionen Menschen.
Patienten können dort stationär aufgenommen werden oder sich in der Tagesklinik oder in den klinikeigenen Ambulanzen behandeln lassen. Seit 2018 besuchen multiprofessionelle Teams aus Ärzten, Pflegern und Sozialarbeitern die Patienten sogar zu Hause. Ein umfangreiches Hilfsangebot sei das, sagt Kliniksprecher Henner Lüttecke, und trotzdem: „Mache Patienten haben wir verloren.“
Manche Patienten nämlich fallen durch eine Lücke im Hilfssystem, die zwischen der stationären Klinik und den ambulanten Angeboten klafft. Beides war bislang streng getrennt und musste von der Klinik mit den Krankenkassen auch getrennt abgerechnet werden. Sollte ein Patient also von der stationären Behandlung in die Tagesklinik wechseln, musste er mit Entlassungsschein komplett abgemeldet werden, bevor er ein Haus weiter wieder in der Tagesklinik aufgenommen werden konnte. Je nach Belegung entstanden dabei manchmal Wartezeiten und in dieser Zeit brach manch ein Patient die Behandlung ab.
Künftig soll das nicht mehr passieren. Denn am KBO-Isar-Amper-Klinikum werfen sie von sofort an ihr Budget für stationäre und ambulante Behandlungen zusammen. Was wie ein einfacher Verwaltungsakt klingt, ist aus Sicht des Klinikums ein Meilenstein, der die Versorgung der Patienten grundlegend verbessern könnte. „Das Modell steht für einen Perspektivwechsel in der psychiatrischen Versorgung“, sagte der Ärztliche Direktor Peter Brieger am Mittwoch bei der Vorstellung des Modellprojekts in Haar. „Weg von der Überlegung: Wie füllen wir Betten? – hin zur entscheidenden Frage: Was braucht der Mensch wirklich?“
Dass ein Krankenhausaufenthalt nicht bei jeder psychischen Krise immer das Beste ist, haben sie in Haar in den vergangenen Jahren bemerkt. Früher etwa kam eine Mutter mit postnataler Depression in die Mutter-Kind-Station. Die Mütter seien aber viel lieber zu Hause als im Krankenhaus, sagt Brieger. Man habe das Angebot deshalb verändert. „Heute können wir sie daheim behandeln.“
Wer gehört ins Krankenhaus, wer in die Tagesklinik und wer ist mit therapeutischer Unterstützung zu Hause besser aufgehoben? In Zukunft kann das Isar-Amper-Klinikum das für seine Versorgungsregion freier entscheiden und flexibler steuern als vorher, weil es die Budgets nicht mehr jeweils getrennt mit den Krankenkassen verhandeln muss. Profitieren werden davon Patienten in der Landeshauptstadt sowie den Landkreisen München, Fürstenfeldbruck, Dachau und Teilen von Ebersberg. Es sei mit Abstand das größte Modellvorhaben in Deutschland, betonte Brieger.
Psychiatrische Versorgung dürfe sich nicht länger an Betten orientieren
Das erste Vorhaben dieser Art ist es indes nicht. Deutschlandweit gibt es 20 solche Projekte. Möglich macht sie Paragraf 64b im Sozialgesetzbuch V, der bereits 2012 in Kraft trat. Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der sektorenübergreifende Versorgung psychisch kranker Menschen sind darin ausdrücklich erwünscht. In jedem Land solle mindestens ein Modellvorhaben durchgeführt werden, steht dort.
Entsprechend froh, nun auch in Bayern ein solches Projekt zu haben, zeigte sich Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) am Mittwoch. Die in Haar angestrebte stärkere Fokussierung auf ambulante Angebote passt zur politischen Agenda der Ministerin. Auch in anderen medizinischen Bereichen nimmt die Zahl der Eingriffe, die ohne Klinikübernachtung gemacht werden können, zu. Manch eine Klinik muss deshalb Betten abbauen. Sie sei sehr dankbar, dass das Klinikum hier beispielhaft vorangehe, sagte Gerlach. „Ich hoffe, dass das Projekt einige Nachahmer findet, und wir irgendwann sagen können, wir haben eine bayernweite Etablierung erreicht.“
Angestoßen hatte den Wandel noch ihr Vorgänger Klaus Holetschek (CSU) bei einem Besuch der Klinik Anfang 2022. Seither wurde über mehrere Jahre mit den Krankenkassen teils zäh verhandelt, wie alle Beteiligten bestätigten. Dabei musste zunächst erst mal Vertrauen aufgebaut werden. Man kenne die Krankenkassen bislang nur aus eher harten Budgetverhandlungen, hieß es von Vertretern der Klinikseite. Der Rollentausch hin zu wertschätzenden Partnern, die gemeinsam eine neue Versorgungsstruktur aufbauen wollen, war offenbar ein Schritt.
Umso mehr lobten nun alle das Ergebnis. Psychiatrische Versorgung dürfe sich nicht länger an Betten orientieren, sondern an den Bedürfnissen der Menschen, sagte Christina Ruckert, Geschäftsbereichsleiterin Ambulante Versorgung bei der AOK Bayern. Sie äußerte zudem die Hoffnung, dass dadurch viele stationäre Aufenthalte verkürzt oder gar ganz vermieden werden könnten. Ob sich dadurch im Sinne der unterfinanzierten Krankenkassen Geld einsparen lässt, ist indes ungewiss. Die Einzelbetreuung der Patienten zu Hause gilt als personalintensiv und dementsprechend teuer. Man wisse aber aus anderen Projekten, dass die Zufriedenheit von Patienten und Mitarbeitern steige, sagte Klinikdirektor Brieger. Ministerin Gerlach will deshalb auch an anderen Kliniken in Bayern für dieses Modell werben. Das Ministerium stehe mit Fachexpertise bereit.
Lob kam auch von Patientenvertretern. Die Möglichkeit zu Hause behandelt zu werden, stärke die Eigenverantwortung der Patienten und damit ihre Würde, sagte ein Mirko Bialas, Geschäftsführer des Vereins der Münchner Psychiatrie-Erfahrenden. Er sah allerdings auch Gefahren. So könnten Kranke von Nachbarn schneller als solche erkannt werden, wenn ständig klinisches Personal ins Haus komme. Das könne Stigmatisierung fördern. Das Projekt müsse deshalb mit großer Sorgfalt umgesetzt werden.


