Kultur in der Krise:Das Bayerische Staatstrauerspiel

Marstall ist marode und renovierungsbedürftig

Die Rückseite des Marstalls erzählt viel über den Umgang mit Kulturbauten im Kulturstaat Bayern. Dass sich dieser durchaus auch auf die darin arbeitenden Menschen auswirkt, verdeutlicht etwa die Probensituation des Bayerischen Staatsschauspiels.

(Foto: Florian Peljak)

Markus Söder will in den nächsten Jahren der Krise wegen weniger in die Steine und Bauten der Kultur investieren. Noch weniger?

Von Susanne Hermanski

"Bei der Kultur werden wir den Schwerpunkt in die Menschen, die Künstlerinnen und Künstler setzen und weniger in Steine und Bauten." Das sagt Markus Söder in seiner Rede zum Aschermittwoch, und er sitzt dabei in einer Art Theaterkulisse auf einer blitzsauberen Eckbank hinterm Komödienstadl-Breznkorb. Klingt gut aufs erste Hören. Kulturschaffende first. Doch wer den Zustand von Bayerns Kulturbauten kennt, der kann sich dabei nicht recht entspannen. Im Gegenteil.

Denn das Verfahren, in Bauten lieber weniger bis nichts zu investieren, ist längst erprobt im Freistaat. Mit unschönen Folgen. Und das nicht etwa für die Freunde der Hochkultur, deren Abendrobe nicht zum abgerockten Mobiliar der Waschräume passt, sondern für die Künstlerinnen und Künstler selbst. Es geht in dieser Geschichte um herabstürzende Fassadenteile, Ausweich-Container für die Ausweich-Container und freundlich offerierte Interimsquartiere, die ihrerseits so desolat sind, dass man sie erst aufwendig wieder ertüchtigen lassen müsste.

Die Liste der maroden Kulturbauten in der Landeshauptstadt ist lang. Nicht wenige tragen gar das Prädikat "Staat" im Namen. Etwa die Staatsoper (deren scheidender Intendant Nikolaus Bachler hat nur für die Ertüchtigung der veralteten Technik des Nationaltheaters 160 Millionen Euro über den Daumen gepeilt), die Staatsgemäldesammlung (deren Neue Pinakothek seit zwei Jahren von den Brandschützern geschlossen dasteht, Sanierungsstart steht immer noch aus) und das Bayerische Staatsschauspiel.

Am nicht enden wollenden Drama um dessen Probengebäude lässt sich dieses Bayerische Staatstrauerspiel exemplarisch erzählen. Eine Misere, die schon lange vor der Corona-Krise ihren Lauf genommen hat. Und die hinter deren zusätzlichen Herausforderungen auch nicht verschwinden wird. Nun, mag der Laie denken, warum proben Theaterleute nicht einfach in ihrem Theater? Das geht unter anderem deswegen nicht, weil in einem Haus wie dem Residenztheater, der größten Spielstätte des Bayerischen Staatsschauspiels, ständig wechselnde Stücke aus dem Repertoire gezeigt werden, und dafür die Bühne umgebaut werden muss - tagsüber, zwischen der Vorstellungen.

Kultur in der Krise: Die Containerhalle in der Frankenthaler Straße in Giesing.

Die Containerhalle in der Frankenthaler Straße in Giesing.

(Foto: Gino Dambrowski)

Seit zwei Jahrzehnten sind die Staatsschauspieler, Regisseure und das technische Personal deshalb die Probenarbeit in Provisorien gewohnt, in Containern. Bis 2015 standen diese am Leonrodplatz. Doch weil an deren Stelle heute das neue Strafjustizzentrum steht, zog man mit seinen Containern ein paar Hundert Meter weiter an die Schwere-Reiter-Straße, wo sie im vergangenen Sommer auch wieder abgerissen wurden. Ohne neue Bleibe.

Einziger Silberstreif am Horizont: die Perspektive auf ein neues, eigenes Proben- und Werkstättenzentrum, das auf einem Gelände des Freistaats an der Hohenlindener Straße in Steinhausen entstehen soll. Vor einigen Wochen erging tatsächlich ein ersehnter Beschluss dazu im Haushaltsausschuss des Landtags. Ob das Areal inmitten eines Hochhaus-Clusters tatsächlich geeignet ist, war eine halbe Ewigkeit unklar. Zu erwartende Fertigstellung, wenn die Klarheit doch noch eintritt: in fünf bis acht Jahren.

Doch wo proben in all der Zeit dazwischen? Die "Imbi" - kurz für "Immobilien Freistaat Bayern" - also jenes hauseigene Dienstleistungsunternehmen des Freistaates, das für die Lösung solch peinlicher Fragen zuständig ist, kennt dafür ein Zauberwort: Frankenthaler Straße 23. Die Adresse der ehemaligen Bettenfedernfabrik, in der die Hochschule für Fernsehen und Film bis 2011, 23 Jahre lang, untergebracht war, und wo danach das Gärtnerplatztheater für die fünf Jahre seiner Sanierung überwinterte.

Kultur in der Krise: Die "kleine Teeküche" in der Containerhalle.

Die "kleine Teeküche" in der Containerhalle.

(Foto: Gino Dambrowski)

Die "Frankenthaler Straße" taucht gern als magischer Lösungsvorschlag auf, wenn an irgendeiner Stelle im Münchner Staatskulturbetrieb Raumnot angemeldet wird. So wurden deren Räume auch schon einmal der Verwaltung der Staatsgemäldesammlung in Aussicht gestellt. Die hat ihre Büros im Gebäude der Neuen Pinakothek. Vergeben ist die Frankenthaler allerdings, seit Auszug der Gärtnerplatzleute 2016, eigentlich an die Musikhochschule. Die hat ihren Hauptsitz in der Arcisstraße im ebenfalls vollkommen desolaten "Führerbau" aus dem Jahr 1933. Die Baupläne für dessen Sanierung sind aber noch nicht fertig und aufgrund der prekären historischen Sonderstellung des Komplexes besonders kompliziert.

Faktisch bezogen hat die Frankenthaler Straße im Herbst 2020 dann das Residenztheater. Nun ja, soweit sie überhaupt zu beziehen ist. Denn die ursprünglichen Räume der Bettenfedernfabrik sind über die Jahrzehnte von unterschiedlichen Nutzern aufgerieben. Wirklich zu verwenden ist auf dem gesamten Gelände nur noch eine einzige, nachträglich für die Werkstätten des Gärtnerplatztheaters errichtete Containerhalle. Der Rest ist "aufgrund des baulichen und technischen Zustands aus Sicherheitsgründen derzeit nicht nutzbar", so die Auskunft der Musikhochschule.

Kultur in der Krise: Andreas Beck, Intendant des Residenztheaters (links) und der Präsident der Musikhochschule, Bernd Redmann.

Andreas Beck, Intendant des Residenztheaters (links) und der Präsident der Musikhochschule, Bernd Redmann.

(Foto: Lucia Hunziker, Robert Haas)

Die Bedingungen in der Containerhalle, die die Musikhochschule also übergangsweise und auch nur teils an das Staatsschauspiel abgetreten hat, sind zum Erbarmen. Andreas Beck, der Intendant des Residenztheaters und ein Freund der deutlichen Worte, bringt es auf den Punkt: "Ein Regisseur hat gesagt, das sieht ja aus wie in Srebrenica". Eine erhöhte Bühne wie der Laie sich das vorstellen könnte, gibt es darin nicht. Aber auch keinen Gemeinschaftsraum wie etwa eine Teeküche. Trotzdem proben dort bis zu 40 Personen über den Tag verteilt an Stücken. Auch zu Corona-Zeiten, weil viele Produktionen, in der Hoffnung auf Lockerung des Lockdowns, bereits bis zur Premierenreife vorbereitet wurden. Das Regulieren der Temperaturen in der hohen Halle ist schwer möglich. Garderoben sind durch improvisierte Stoffbahnen abgetrennt. Es existieren je eine Toilette für Männer und Frauen. Am östlichen Ende, in einem Hallensegment, in dem eigentlich die Theaterakademie August Everding, ihre Bühnenbilder und Requisiten lagert.

Im Westen der Halle behält sich die Musikhochschule noch einen verhältnismäßig kleinen Claim vor. Als Lagerraum für größere Objekte wie ganze Stuhlreihen und Podien. An- und auszuliefern nur durch die Hallensegmente der Theaterleute, vorbei an deren Ecke mit den Teekannen und - Pssst! - der Probebühne. Seit Monaten bemüht sich Andreas Beck darum, von der Musikhochschule auch diesen hinteren Raum zu übernehmen, um ein bisschen mehr Platz für seine Leute zu haben.

Kultur in der Krise: Um den Platz in der Halle konkurrieren mehrere Institutionen. Die Musikhochschule hat dort ein Lager eingerichtet.

Um den Platz in der Halle konkurrieren mehrere Institutionen. Die Musikhochschule hat dort ein Lager eingerichtet.

(Foto: Gino Dambrowski)

Bisher vergebens, denn Bernd Redmann, der Präsident der Musikhochschule, hat eigenen Kummer. Die Hochschule sei "den beiden anderen staatlichen Einrichtungen so weit als möglich entgegengekommen", sagt er. Aufgrund der Pandemie habe sich für die Hochschule aber "eine dramatische Veränderung der Lage ergeben": Sie benötige nun selbst dringend große Räume, um im kommenden Sommersemester den Probenbetrieb von Ensembles (Chöre, Orchester) wieder aufnehmen zu können. Deshalb prüfe die Hochschule nun mit dem Staatlichen Bauamt "den Aufwand für eine temporäre Ertüchtigung der großen Räume im ehemaligen HFF-Gebäude". Und nur falls die "im vertretbaren Kosten- und Zeitrahmen" möglich sei, könnte die Hochschule durch "Flächenumschichtung" das gewünschte Hallensegment hergeben. Nach einer flotten Lösung klingt das nicht. Auch wenn Bernd Redmann voller Zweckoptimismus sagt, die Frankenthaler Straße sei das ideal geeignete Ausweichquartier seiner Schule, "wir freuen uns auf Giesing!"

Andreas Beck und sein Technischer Direktor Andreas Grundhoff, der vom Burgtheater aus Wien nach München gekommen ist, haben unterdessen noch andere Baustellen. Etwa hinter ihrem Haupthaus in der Residenz, in Wurfweite zur Staatskanzlei, eines der prominenteren Sorgenkinder der bayerischen Kulturpolitik: der Marstall. Unter dessen Dach befinden sich Malersaal und Werkstätten. Im Parterre liegt eine eigene Bühne und Garderoben, in denen sich Lola Montez aber garantiert nie nicht ausgezogen hätte. Wer das Trauerspiel in seiner ganzen Tragweite erahnen möchte, wagt einen Blick auf die Rückseite des Marstall. Bei Tageslicht. Dort klaffen nicht nur oft beschriebene, dramatische Risse im Gemäuer. Dort findet sich auch ein kleines Vordach überm Hinterausgang. "Das ist nicht etwa da, um die Mitarbeiter, die kurz eine Zigarette rauchen, vor Regen zu schützen", glaubt Grundhoff. "Es ist angebracht worden, um sie von herabfallenden Fassadenstücken zu bewahren."

Der Marstall und seine jüngere Geschichte führen unweigerlich zu einem anderen Reizthema: Münchens großes Projekt eines neuen Konzerthauses. Mancher hätte den Marstall gern als Foyer seines Konzertsaals gesehen, den man einfach hatte anbauen wollen. Doch seit diese Pläne infolge einer umstrittenen Studie begraben worden sind, scheint auch der Marstall selbst gewissermaßen aufgegeben. Und wer denkt überhaupt schon an einstürzende Altbauten, wenn Söder und andere aus der Landtags-CSU jetzt vom Schwerpunkt "auf den Menschen" in der Kulturpolitik reden?

Die nie verstummten Gegner am Konzerthaus-Standort im Werksviertel weiden sich förmlich daran. Sie wollen den Schneewittchensarg, wie der Gewinner-Entwurf bei ihnen heißt, nun im Zuge der zu erwartenden Geldnot des Staates allzu gern endlich beerdigt sehen. Aber nicht alles, was aufgeschoben wird, ist so einfach auch aufgehoben. Das gilt etwa für Verträge, die für den Neubau bereits geschlossen worden sind. Sei es mit dem Grundstückseigentümer, mit dem eine Erbpacht für das Konzerthausareal vereinbart worden ist oder mit den Architekten, die den Wettbewerb gewonnen haben. Und wie sagte doch Franz Josef Strauß so gern, unter dessen Bild beim Herrgottseck Söder am Aschermittwoch so demonstrativ saß: "Pacta sunt servanda".

© SZ vom 20.02.2021/kafe
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