Süddeutsche Zeitung

Kirche:Die Mutter der Diakonie

Hedwig Döbereiner war ihrer Zeit voraus. Vor fast 60 Jahren schon kämpfte sie für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Nun ist sie in München gestorben.

Von Wolfgang Krach

Es war eine Zeit, in der noch niemand von "Inklusion" sprach, vom gleichberechtigten und respektvollen Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Hedwig Döbereiner, damals Bundesmeisterin des Bundes Christlicher Pfadfinderinnen (BCP), war auf der Suche nach einem Platz für ein großes Zeltlager, das auch für Rollstuhlfahrerinnen zugänglich sein sollte. Denn von denen gab es einige beim BCP. Döbereiner fuhr, es war April 1964, durch halb Oberbayern, ehe sie im Pfaffenwinkel, in Steingaden, nahe der weltberühmten Wieskirche, fündig wurde: in der Langau.

Dort, auf dem Gelände der ehemaligen Schwaige des Prämonstratenserklosters Steingaden, entdeckte Döbereiner den richtigen Ort, nicht nur für ihre Pfadfinderinnen, sondern - was sie damals noch nicht wusste - auch für sich selbst. Den Ort, der zum Mittelpunkt ihres Lebens werden sollte. Der BCP kaufte dem Freistaat Bayern die Langau ab. Und aus dieser ist in den vergangenen 58 Jahren eine bundesweit einmalige Einrichtung geworden: eine Institution mit zahlreichen Modellprojekten in der Behindertenarbeit, eine Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Handicap, ein in jeder Hinsicht offenes, barrierefreies Haus, in dem sich Familien, Schulklassen, aus Afghanistan zurückgekehrte Bundeswehr-Soldaten, Kirchenchöre, Menschen in allen Lebenslagen treffen und miteinander ins Gespräch kommen.

Hedwig Döbereiner hat diese Einrichtung nicht nur begründet, sondern 26 Jahre lang geführt. Geboren im Mai 1924, trat sie als junges Mädchen den unter Hitler verbotenen Pfadfinderinnen bei. Die Unerschrockenheit, der Wagemut und die Geradlinigkeit, die auch ihr späteres Leben bestimmen sollten, ließen sie im Untergrund 1942 zusammen mit sechs Freundinnen im fränkischen Castell den "Casteller Ring" gründen, aus dem 1950 eine evangelische Schwesterngemeinschaft werden sollte. Nicht einmal ihren Eltern erzählte sie davon.

Ihre Herzlichkeit und Beharrlichkeit steckten sogar Bischöfe und Minister an

Nach dem Krieg ließ sich Döbereiner zur Jugendleiterin ausbilden, übernahm erst die Geschäftsführung in der Bundeszentrale der Pfadfinderinnen, dann die des Tagungs- und Bildungshauses Schloss Schwanberg (Landkreis Kitzingen) und knüpfte dabei ein Netz von Kontakten in Kirche, Politik und Verwaltung. Ihre visionäre Kraft, ihr langer Atem und die unternehmerische Fantasie wirkten, ebenso wie ihre Herzlichkeit, so ansteckend, dass sie Ministerinnen, Bischöfe, Landtagspräsidentinnen und Spitzenbeamte für immer wieder neue Projekte gewann. Für die Langau, die von Mitte der 1960er-Jahre an ihr Lebensmittelpunkt wurde, hat sie über Jahrzehnte hinweg erfolgreich Geld gesammelt, zuletzt für eine Komplettsanierung des 240 Jahre alten Gebäudes.

Döbereiner engagierte sich auf allen Ebenen der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Sie war Mitglied der Landessynode, gehörte dem Diakonischen Rat in Bayern an, ebenso wie im Bund, dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung und vielen anderen Gremien. Bei ihrer Verabschiedung als Leiterin der Langau 1993 nannte sie der damalige bayerische Diakoniepräsident Heimo Liebl die "Mutter der Diakonie" im Freistaat. Der würdigte Hedwig Döbereiners Wirken mit dem Bayerischen Verdienstorden und der Staatsmedaille für soziale Verdienste.

Hedwig Döbereiner war stets auf der Seite der Schwachen. Seit einigen Jahren brauchte sie selbst Hilfe, sie - die Stehauf-Frau - konnte nicht mehr laufen. Doch ihre Fröhlichkeit und Zuversicht verlor sie nicht. Im Rollstuhl blickte sie vom Wohnzimmer ihres Alterswohnsitzes in München Richtung Berge, Richtung Langau. Am vergangenen Freitag ist sie im Alter von 97 Jahren in München gestorben.

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