Süddeutsche Zeitung

Georg-Elser-Preis für Sea-Eye-Gründer:"Jeder kann helfen. Jeder, jedem"

Michael Buschheuer lebt fern aller Weltmeere - und kam auf die Idee, Flüchtlingen mit Schiffen organisiert Hilfe zu leisten. Die Stadt München ehrt ihn nun dafür.

Michael Buschheuer kommt zu spät, er hat vom Auto aus schon angerufen und um Entschuldigung gebeten. Während man also wartet, schaut ein älterer Herr vorbei und grinst: "Er holt gerade seinen Heiligenschein ab." Michael Buschheuer senior plaudert ein wenig über seinen Sohn, halb spöttisch, halb stolz, weil er so viel unterwegs ist, für die Flüchtlinge, und weil er gar so gelobt wird, und jetzt auch noch diese Ehrung in München. Ja mei, soll er nur machen. Dann muss der Senior weiter, die Firma braucht ihn.

Wenig später kommt ins Büro der Buschheuer GmbH in Regensburg ein Mann mit leicht angegrautem Vollbart und schwarzen, halblangen und lockigen Haaren, sie umrahmen sein Gesicht. Das Meeting vorhin hat länger gedauert, ein Spender hat viel Geld in Aussicht gestellt. Geld brauchen sie immer. Draußen fährt alle paar Minuten ein Auto auf den Firmenhof, die Leute laden Kisten und Säcke aus, warme Kleidung und Decken. Es ist teuer, das alles nach Samos zu transportieren, nach Kos und Lesbos. Auf den Ägäisinseln hausen Zehntausende Flüchtlinge in überfüllten Lagern unter erbärmlichen Zuständen.

Europa versagt, wieder einmal. Michael Buschheuer hilft, wieder einmal. Deshalb zeichnet ihn die Stadt München mit dem Georg-Elser-Preis aus. Buschheuer hat 2015 den Verein Sea-Eye gegründet, der mit seinen Schiffen und Crews aus Ehrenamtlichen Tausende Menschen im Mittelmeer gerettet hat.

Michael Buschheuer, 43 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, ist gelernter Maler und Lackierer und heute Geschäftsführer einer Firma für Korrosionsschutz. Wie kommt einer, der fern aller Weltmeere lebt, auf die Idee, Flüchtlingen ausgerechnet mit Schiffen zu helfen? "Die Grundmotivation war, dass Menschen Hilfe brauchen, denen niemand hilft." Immer mehr Flüchtlinge waren ertrunken, und Europa ließ es geschehen. "Warum segelt das ganze Mittelmeer vergnügt und keiner fährt einen Tag nach Süden, wo die Menschen ertrinken?" Da musste er sich eingestehen: "Du bist ja genauso. Du hättest ja auch die Möglichkeit zu helfen." Buschheuer hat ein Segelboot im Mittelmeer liegen. Also?

Bist du verantwortlich für die Katastrophen, habe er sich gefragt, und: Kannst du etwas dagegen tun? "Eigentlich geht mich das nichts an. Ich bin Maler in Regensburg. Was geht es mich an, wenn in Eritrea Militärpflicht herrscht, die die jungen Leute davonlaufen lässt? Da kann ich nichts dafür." Eigentlich. Aber wer könnte das Ertrinken stoppen? Libyen, Italien? Die übrigen Mittelmeeranrainer? Europa? "Wenn sich auch Deutschland nicht bewegt, dann wandert die Verantwortung fürs Sterben im Mittelmeer zu dem Maler nach Regensburg." Damit war Frage eins beantwortet. Kann er auch was tun?

"Das ist, wie wenn man zu einem Unfall kommt, wo ein Betrunkener an den Baum gefahren ist. Ich kann nichts dafür, der Mann ist selbst schuld - und trotzdem muss ich ihn retten. Dann kommt die Polizei, dann kommt der Sanitäter. Im Mittelmeer kommt nur die Polizei. Es kommt kein Sanitäter." Zwei Tage lang habe er nachgedacht, dann seine Frau gefragt: Sollen wir mit einem Boot los, Flüchtlinge retten? Hätte seine Frau, die gerade schwanger war mit dem zweiten Kind, ihm den Vogel gezeigt, er hätte eine gute Ausrede gehabt. Stattdessen hat Hanni Buschheuer gesagt: "Gute Idee."

Es war Herbst 2015, in Deutschland sahen sich die einen von einer "Flüchtlingswelle" bedroht, die anderen riefen: Wir schaffen das. Michael Buschheuer trommelte Freunde und Verwandte zusammen, das war der Start von Sea-Eye. Er setzte sich ins Auto, fuhr nach Venedig, segelte los, wollte an Italien entlang die Adria runter bis Malta, wollte dort Ausschau halten nach Flüchtlingen in Not, wollte große Schiffe herbeilotsen.

So doch nicht! Daheim in Regensburg pfiffen ihn seine Leute zurück: Wir brauchen ein echtes Schiff. Also kauften sie auf Rügen einen alten DDR-Kutter und starteten im Frühjahr 2016 ihre erste Rettungsmission. Sie versorgten die Menschen auf den Schlauchbooten mit Wasser und Schwimmwesten und alarmierten die Küstenwache. Nach Zählung von Sea-Eye haben sie bis heute fast 15 000 Menschen gerettet. Inzwischen ist der Verein mit einem größeren Schiff unterwegs, benannt nach jenem Jungen, der 2015 tot an den Strand gespült wurde. Alan Kurdi. Symbol für das Versagen der Weltgemeinschaft, jetzt ein Symbol für Hilfe.

Ruhig und leise argumentiert Buschheuer, sein Ton steht im Kontrast zu seinem Thema. Ja, er empört sich, er ist entsetzt, aber wird nicht laut. "Ich habe Europa anders gelernt", sagt er. Deutschland trauere Jahr für Jahr um die Toten an der früheren deutsch-deutschen Grenze. "Zu Recht gedenken wir. Aber dann drehen wir uns nicht um und schauen unsere heutige Grenze an. Das passt doch nicht zusammen."

Zeit, auf die Uhr zu schauen. Vorhin hat Buschheuer Nachricht aus dem ersten Lastwagen bekommen, der den ersten Container nach Griechenland gebracht hat. Die beiden Fahrer sind kurz vor Regensburg, Buschheuer will ihre Ankunft nicht verpassen, will rechtzeitig drüben im Hafen sein, in der großen Halle, wo Regensburg normalerweise Streusalz lagert, wo jetzt aber Freiwillige die Kleidung sortieren, die in Buschheuers Hof abgegeben wurde.

Bei Sea-Eye hat sich Buschheuer 2018 aus dem Vorstand zurückgezogen. Er war an seine Grenzen gestoßen: Als Vorsitzender weitreichende Entscheidungen treffen für das Schiff, ob es durch den Sturm segeln soll oder nach Tunesien, und das zwischen zwei Kundengesprächen. Oder rasch mit dem Auswärtigen Amt telefonieren, wenn er mal schnell aufs Klo verschwunden ist, das ging auf Dauer nicht. Inzwischen arbeiten Hauptamtliche für den Verein, Buschheuer ist noch als Lobbyist unterwegs und als Vortragsreisender. Und weiterhin als Vorsitzender von Space-Eye. Den Verein hat er gegründet, um via Satellit Flüchtlingsschiffe im Meer zu orten.

Über Space-Eye läuft die aktuelle Hilfsaktion, wieder so ein Buschheuer-Ding: Am Tag vor Heiligabend las er von der politischen Debatte, ob man Kinder aus den griechischen Lagern rausholen solle, nach Deutschland. Was für eine Frage! Die liegen nicht nur im Dreck, sagt er, die lasse man absichtlich im Dreck liegen. An jenem Tag, erzählt er, las er auch diesen Satz: "Jeder kann helfen. Jeder, jedem." Er stammt von der verstorbenen Wiener Asylaktivistin Ute Bock, er ging Buschheuer nicht aus dem Kopf.

Wieder aktivierte Buschheuer sein Netzwerk, und seit Weihnachten bringen Menschen aus Regensburg warme Kleider und Decken. Nein, diese Spenden lösen dauerhaft kein Problem, sagt Buschheuer. "Aber ohne Decke ist schlechter als mit Decke." Und die Regensburger geben gern, sagt Buschheuer, als habe er mit seinem Aufruf ein Ventil geöffnet. Viele Bürger habe schon lange gestört, wie Europa Flüchtlinge behandelt, bloß, sie hätten sich ohnmächtig gefühlt. Er, Buschheuer, habe nur den Rahmen vorgegeben, Container und Lkw organisiert, mehr nicht, der Rest geschehe automatisch. Jetzt wissen die Leute, wie sie helfen können, als Kleiderspender, als Kleidersortierer, als Kleidercontainerfahrer. Oder als Geldgeber: Seit Weihnachten seien weit mehr als 50 000 Euro eingegangen. Deutschland hilft, immer noch, trotz Hetze von rechts.

Georg-Elser-Preis

Zivilcourage. Dafür vergibt die Stadt München den Georg-Elser-Preis. Michael Buschheur erhält ihn, weil der 2015 von ihm gegründete Verein Sea-Eye Tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt hat. "Gegen eine Politik von staatlich und gesellschaftlich verordneter Unwilligkeit und Gleichgültigkeit ist es Michael Buschheuer mit Sea-Eye gelungen, eine Wirklichkeit zu schaffen, in welcher der Mensch dem Menschen ein Helfer ist", heißt es in der Begründung für die Auszeichnung. "Massive Anfeindungen und Verleumdungen als ,Schlepperdienst' und ,Asyltourismus' sowie Verweigerung von Landeerlaubnissen oder regierungsamtlicher Hilfe konnten ihn und Sea-Eye nicht von ihrem Menschenrechtskurs abbringen."

Der Preis ist benannt nach Georg Elser, der 1939 versuchte, mit einer Bombe Adolf Hitler zu töten. Das Attentat im Bürgerbräukeller scheiterte, Elser wurde kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Dachau ermordet.

Vergeben wird der mit 5000 Euro dotierte Preis auf Vorschlag einer Jury, die endgültige Entscheidung trifft der Stadtrat. Von 2001 bis 2011 wurde er von diversen Elser-Initiativen verliehen, seit 2013 von der Stadt München. Die Preisträger seither waren: Peter Ohlendorf und Thomas Kuban für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus; Angelika Lex für ihren Einsatz für Flüchtlinge und Migranten; Ernst Grube für sein Bemühen, über die Verbrechen der NS-Diktatur aufzuklären. beka

Michael Buschheuer hätte sich mehr beeilen sollen, hätte nicht die gerade abgegebenen Kleider selbst noch verräumen sollen. Dann wäre er rechtzeitig zur Rückkehr der beiden Griechenland-Fahrer gekommen. Egal, dann knallt der Sektkorken halt ein paar Minuten später. Da kommt ein älterer Mann angeradelt, er trägt Post-Uniform und sagt, er wolle auch helfen, auch einen Lastwagen nach Griechenland fahren, er kann das, er fährt Post-Laster. Buschheuer notiert seinen Namen.

Kalt ist es in der riesigen Halle, sie ist größer als ein Zelt auf dem Oktoberfest. Nebenan steht ein Baucontainer, darin ist es auch kalt, aber man kann sich halb auf eine Tischplatte setzen. Buschheuer kommt zur Politik. "Garstig und penetrant" könne er werden, und ja, er streite sich gerne mit Politikern, mit denen, die nichts tun. "Je höher Sie kommen, umso mehr erklären Ihnen die Leute, sie können ja eigentlich nichts tun." Würden sie erklären, dass sie was tun könnten, sagt Buschheuer, dann würden sie einräumen, dass sie mitverantwortlich sind für das Sterben. Also gäben sie sich machtlos. "Da ist der Punkt, wo ich grantig werde. Stopp! Wenn ich was tun kann, dann kannst du es auch." Er will, dass die Politiker auch helfen. Aber als erstes, dass sie aufhören, die Flüchtlinge in den Schlauchbooten ertrinken und die auf den Inseln im Dreck leben zu lassen, allein um jene abzuschrecken, die noch in Syrien oder Afghanistan oder Nigeria leben.

Die Tür geht auf, die beiden Lkw-Fahrer kommen mit der Abrechnung ihrer Tour, sie haben Quittungen für Maut und Fähre gesammelt, ein paar Scheine stecken auch in der Klarsichthülle, Restgeld. Buschheuer nummeriert die Papiere für die einzelnen Lkw und die passenden Container, man muss ja auch in ein paar Wochen noch durchblicken, sie werden noch viele Kisten und Container packen.

Zeit, wieder auf die Uhr zu schauen. Buschheuer muss sich noch mit dem engsten Helferkreis zusammensetzen, wegen des vielen Geldes, das er am Mittag in Aussicht gestellt bekam. Er will dem Spender rasch ein Konzept vorlegen. Am Telefon ist jetzt "Busch" zugeschaltet, so nennt Michael Buschheuer seinen Onkel, der in Berlin lebt, früher Chefredakteur von Boulevardblättern war und heute die Öffentlichkeitsarbeit managt. Hans-Peter Buschheuer ist ganz wichtig für die Aktionen, sagt der Neffe, so wichtig wie sein 73-jähriger Vater, der die Firma am Laufen hält.

Der kalte Container ist jetzt voller Leute, Onkel "Busch" redet über Lautsprecher mit. Die große Spende kommt von einer Stiftung, die auch schon Sea-Eye gefördert habe. Was tun mit dem Geld? Wohnungen auf den Inseln mieten, um zumindest ein paar Leute aus dem Dreck zu holen? Weiter Kleider sammeln und für das Spendengeld auf die Inseln transportieren, eine Fuhre kostet etwa 4500 Euro allein für Diesel, Maut und Fähren? Oder Hilfsgüter direkt in Griechenland kaufen? Sie werden dem Spender ein Konzept vorschlagen, das mehrere Elemente enthält.

Am Morgen danach kentert vor der griechischen Küste ein Flüchtlingsschiff, zwölf Leichen werden geborgen. Wenig später geht ein weiteres Schiff unter, elf Menschen ertrinken, darunter acht Kinder. Über diese Menschen wird Europa nicht mehr streiten, kein EU-Land muss sie aufnehmen.

Mit dem Georg-Elser-Preis zeichnet München Menschen aus, "die sich gegen undemokratische Strukturen, Organisationen und Entwicklungen auf ganz individuelle Weise zur Wehr setzen und durch unangepasstes Handeln den Blick auf aktuelle Gefährdungen der Demokratie richten". Wenn Demokratien an ihren Grenzen Menschen sterben lassen, dann ist das eine Gefahr für diese Demokratien.

"Das bedeutet mir sehr viel", sagt Buschheuer über die Auszeichnung. Aber nein, nicht weil er sich im Widerstand wähne. "In anderen Ländern braucht es einen Elser. Hier braucht es keinen. Wir haben die Freiheit. Wenn einem was nicht gefällt, dann muss man es halt ändern." Er wolle sich nicht fokussieren auf das, gegen was er kämpfe, gegen die Verrohung zum Beispiel. "Ich versuche, mich zu definieren über das, was man tut", sagt er. "Ich helfe." Ganz einfach.

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Quelle:
SZ vom 16.01.2020/kaal
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