Bayerischer Kunstpreis in MünchenEin Abend zwischen Feierlaune und Aufgeblasenheit

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Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume (links) und Ministerpräsident Markus Söder umrahmen den Ehrenpreisgewinner in diesem Jahr, Gerhard Polt.
Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume (links) und Ministerpräsident Markus Söder umrahmen den Ehrenpreisgewinner in diesem Jahr, Gerhard Polt. Florian Peljak

Kabarettist Gerhard Polt wird von Ministerpräsident Markus Söder mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet, acht weitere Kunstschaffende räumen in den einzelnen Kategorien ab. Was sonst noch so los war bei der Preisverleihung.

Von Thomas Becker

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Schon komisch, dass das in diesen hoch technisierten Zeiten noch nicht geht: anderer Leute Gedanken lesen. Manchen stehen diese ins Gesicht geschrieben, andere können dagegen so neutral schauen, dass nicht nach außen dringt, was im Oberstübchen gerade vor sich geht. Nur zu gern hätte man verfolgt, was Ehrenpreisträger Gerhard Polt denkt, als er da neben Markus Söder steht und dessen Lobrede lauscht. Es fällt das Wort „Legende“, die Formulierung „dechiffriert auf ganz humorvolle Weise Menschen“ sowie die Conclusio: „Ist immer schön ihn zu schauen.“ Polts einstige Bühnenpartnerin Gisela Schneeberger hatte schon an das geflügelte Wort des viel Geehrten erinnert: „Jeder Preis sucht sich seinen Träger.“ Spontan möchte man anfügen: Und den Überreicher kann man sich meist auch nicht aussuchen.

Nichts davon kommt über Polts Lippen, als er nicht zur Rede ansetzt, sondern nur „ein paar Bemerkungen“ macht. Rekurrierend auf Marcus Aurelius’ „Selbstbetrachtungen“ bedankt er sich nicht nur bei denen, die ihm halfen, das zu werden, was er ist. Sondern auch bei all den Zufallsbekanntschaften im öffentlichen Raum, die ihm stets Futter für sein humoristisches Tun lieferten, zum Beispiel beim Tierarzt: „Da sitzt der vegane Hamster-Besitzer neben dem fleischfressenden Bullterrier-Herrchen – und die verstehen sich blendend! Die finden sich – das finde ich toll. Die Menschen sind Gott sei Dank widersprüchlich und dadurch spannend. Aber auch lächerlich. Wir geben der Lächerlichkeit durch unsere Existenz eine Chance.“ Da ist er wieder, der Kern des Polt’schen Schaffens: das Große im Kleinen sehen, tiefe Erkenntnisse über den Menschen aus banalsten Alltagssituationen gewinnen.

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Keine Frage, dass der 83-Jährige jeden erdenklichen Preis samt Standing Ovations verdient hat. Den ersten bekam er vor einem halben Jahrhundert, den Kulturförderpreis der Stadt München. Sozusagen entdeckt habe sie ihn, erzählt Gisela Schneeberger: In der Kleinen Freiheit habe man damals ein Stück gespielt, und als Jürgen Busse absagen musste, hieß es: „Nehmen wir halt den Gerhard – der ist immer so lustig.“

Nun also den Bayerischen Kunstpreis, den Nachfolger des Bayerischen Kulturpreises, der doch ein wenig zu sehr mit dem E.ON-Konzern verbandelt war, worauf die Hip-Hop-Band „Dicht & Ergreifend“ bei der Preisverleihung 2023 gar nicht mal dezent hingewiesen hatte. Auch die Location ist neu: das allseits bejubelte Bergson Kunstkraftwerk. Neun mit je 10 000 Euro dotierte Preiskategorien hat man sich ausgedacht, die Moderatorin Vivian Perkovic in ziemlicher Windeseile durchpeitschen muss – soll schließlich in der BR-Mediathek landen, das Ganze.

In diesem Jahr gab es mit dem Bergson Kunstkraftwerk eine neue Location für die Preisverleihung.
In diesem Jahr gab es mit dem Bergson Kunstkraftwerk eine neue Location für die Preisverleihung. Florian Peljak

Los geht’s mit dem Bariton und Ex-Domspatzen Benjamin Appl, Gewinner der Kategorie „Stimme“. Schauspieler Harald Krassnitzer würdigt seine Schubert-Interpretationen so: „Was mich am meisten fasziniert ist, dass jemand aus Regensburg den Wiener Schmäh versteht.“ Auch interessant: Der Freund des Kunstliedes war früher Fan von Fredl Fesl. Dessen „Königsjodler“ sei „das erste Stück gewesen, das ich öffentlich gesungen habe“. Eine Überraschung gab es auch für die Gewinnerin in der Sparte „Kreatives Schaffen“: Bei einer Lesung in Brandenburg überfiel Perkovic die Bamberger Schriftstellerin Tanja Kinkel mit dem Preis in Form der Porzellanstatue namens Zerbinetta und einer iPad-Nachricht von Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume.

Noch überraschter war nur Polina Lapkovskaja, die im Bergson nicht nur ihren Song zum Besten gibt, sondern auch als beste Performerin ausgezeichnet wird. Apropos Bergson: Den Innovationspreis nimmt dessen Geschäftsführer und Programm-Chef Roman Sladek entgegen. Das Nürnberger Kinder- und Jugendtheater „Pfütze“ wird in der Kategorie „Programm“ geehrt, das Haus der Kunst in der Sparte „Ausstellung“. Ausgefallen die Kategorie „Besonderer Ort“, in der die niederbayerische Burg Ranfels gewinnt. Als „Kulturbotschafter des Jahres“ wird Christoph Kürzeder ausgezeichnet, Direktor des Freisinger Diözesan-Museums, das „Millionen gekostet“ hat, wie Kardinal Reinhard Marx vorrechnet. Dennoch sei der Geehrte „ein Glücksfall für uns“, einer dieser „Burning Persons“, von denen die Kirche „noch ein paar mehr gebrauchen“ könne.

Nach Perkovic’ finalem „Ich wünsche noch einen zerbinetten Abend, Grüß Gott!“ klingt der Abend, den die einen feiern, ein anderer als „furchtbar aufgeblasene Veranstaltung“ erlebt hat, bei Häppchen von Kalbsrücken und dem gehörig wummernden Sound der hauseigenen Jazzrausch Big Band allmählich aus. Gastgeber Blume kündigt an: „Ich werde auch gleich die Krawatte ablegen – so cool können wir sein.“ In Erinnerung bleibt auch ein Satz seines Chefs: „Wir in Bayern sparen nicht an Kunst und Kultur“, hatte der Ministerpräsident gerufen, worauf der Sitznachbar hysterisch auflacht und finster brummt: „Ich schick’ dir die Liste.“

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