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Ausstellung über bezahlbaren Wohnraum:Die drängendste aller sozialen Fragen

NS-Arbeitersiedlung am Nürnberger Südfriedhof (Worzeldorfer Straße), aufgenommen im Jahr 1939.

(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

Wohnraum ist in Bayern seit jeher ein extrem knappes Gut. Das Münchner Hauptstaatsarchiv zeigt, wie zwischen 1918 und 1954 der Staat die Probleme zu lösen versuchte.

Von Maximilian Gerl und Hans Kratzer

Die Schaffung bezahlbaren Wohnraums ist für viele Städte und Gemeinden in Bayern die größte Herausforderung der Gegenwart. Die Wohnungsnot ist eklatant, die Mieten steigen sprunghaft, ein Ende dieser Spirale ist nicht in Sicht. Die Bayerische Verfassung von 1946 weist die Aufgabe des Wohnungsbaus explizit den Gemeinden zu. Bereits 1927 hatte der damalige Münchner Wohnungsreferent Karl Sebastian Preis die bis heute populäre These formuliert, die Wohnungsfrage sei die brennendste aller sozialen Fragen. Heute gilt sie sogar als die zentrale soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

Die Corona-Pandemie hat auf erschreckende Weise gezeigt, welch familiärer Stress und welche Ansteckungsgefahren durch beengte Wohnverhältnisse produziert werden. Neu sind solche Phänomene aber nicht. Seit dem mit der Industrialisierung einsetzenden Bevölkerungswachstum klafften in den urbanen Zentren Angebot und Nachfrage enorm auseinander.

Die Folgen dieser Wohnungsnot etwa in den 1920er-Jahren sind heute kaum noch vorstellbar. Viele Familien hausten in einem winzigen Zimmer, mehrere Schlafgänger teilten sich ein Bett. Die hygienischen Zustände spotteten jeder Beschreibung. 1924 fehlten bayernweit rund 90 000 Wohnungen, rechnete damals ein Ministerialbeamter aus. Nur langsam wurde man der Not Herr, auch dank des kommunalen Wohnungsbaus. Damals wurde überdies festgelegt, was überhaupt als angemessene Wohnung gelten sollte. "Kleinwohnung" nannte man, was heute Sozialwohnung heißt, sie war bis zu 90 Quadratmeter groß.

Das Manko der Wohnungsnot thematisiert zurzeit eine kleine Ausstellung im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, die vor allem die kommunale Wohnungspolitik von 1918 bis 1954 beleuchtet (bis 30. Oktober). Der Zeitraum wurde bewusst gewählt, berührt er doch drei entscheidende politische Phasen: Weimarer Republik, Nationalsozialismus und frühe Nachkriegszeit. Für jede dieser Perioden wurde je eine Stadt und deren Wohnungspolitik herausgegriffen, die beispielgebend war. München als bevölkerungsreichster Ort, Nürnberg als altes industrielles Herz Bayerns, Erlangen, das nach 1945 zum Bildungs- und Industriezentrum mit ungewöhnlich starker Ansiedlung wurde. Mit diesem Konzept versucht die Ausstellung den Blick für die Probleme der Gegenwart zu schärfen. Dabei wird schnell klar, welch nachteilige Folgen politische Faktoren wie das Zurückfahren des sozialen Wohnungsbaus oder die Privatisierung von in öffentlicher Hand befindlichem Wohnraum haben.

Inzwischen wird Bayern wieder von einer Wohnungsnot geplagt, wenn auch anders als früher. Hygienische Mängel sind abseits von Massenunterkünften für Geflüchtete oder Erntearbeiter kein Thema mehr. Gleich geblieben ist, dass sich die Not ungleich verteilt. Während es sich auf dem Land mancherorts noch günstig leben lässt, ist in Ballungsgebieten bezahlbarer Wohnraum knapper denn je. Vor allem der Zuzug nach München und Nürnberg strahlt längst so weit ins Umland aus, dass er auch in kleineren Gemeinden die Miet- und Kaufpreise in die Höhe treibt.

Plakat Grund- und Hausbesitzerverein München, 1929.

(Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

Gut sieht man das am Beispiel Eigentumswohnung. Früher war sie ein Ziel vieler Sparer, heute taugt sie oft nur als Luftschloss. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen liegt etwa der mittlere Wohnflächenpreis im Neubau bei 7900 Euro für den Quadratmeter. Das hat der Obere Gutachterausschuss für das Jahr 2019 berechnet. 2017 lag der Quadratmeterpreis in und um Garmisch noch bei 5900 Euro. Ähnlich schaut es in Mittelfranken aus. In der kreisfreien Stadt Schwabach wurden für neugebaute Eigentumswohnungen zuletzt 4100 Euro pro Quadratmeter registriert - zwei Jahre zuvor waren es noch 3600 Euro.

Wer das noch zahlen soll oder kann, ist die große Frage. Abhilfe schaffen können wohl nur kommunaler sowie staatlich geförderter Wohnungsbau. Grund zu erwerben ist aber auch schwierig, das Bauen wird immer teuer, die Bürokratie immer wuchernder. Der Verband der Wohnungswirtschaft hat ausgerechnet, dass sozialer Wohnungsbau nur drei bis vier Prozent des gesamten Wohnungsbaus ausmache. Nach dem Krieg waren es noch gut 50 Prozent. Erst seit kurzer Zeit werden wieder mehr Wohnungen gebaut. Der Freistaat selbst hat die Wohnungsnot überhaupt erst sehr spät als solche erkannt: 2013 verkaufte der damalige Finanzminister Markus Söder (CSU) noch 33 000 Wohnungen; 2018 hob er dann die BayernHeim aus der Taufe, eine staatliche Wohnbaugesellschaft. 10 000 preisgünstige Wohnungen soll sie bis zum Jahre 2025 schaffen. Als Zwischenergebnis schlägt für 2019 zu Buche, dass es bayernweit rund 1250 Sozialwohnungen weniger gibt als im Vorjahr.

© SZ vom 09.09.2020/vewo
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