G-7-Gipfel 1992 in München 491 Festnahmen - zu Unrecht

Und hinter dem Rathaus griff die Polizei zu.

(Foto: amw)

Auch viele Pressereporter beobachten das polizeiliche Kesseltreiben, die Zeitungen sind in den folgenden Tagen gespickt mit Berichten über das robuste Vorgehen der Beamten. Zahllos die Fotos, auf denen Polizisten zu sehen sind, die Demonstranten abführen - mal in Handschellen, mal die Arme in der Manier von Ringkämpfern auf den Rücken gedreht. Auch Jutta Ditfurth, einst Vorstandssprecherin der Grünen und Frontfrau des fundamentalistischen Flügels, erwischt es. Sie findet sich mit 33 anderen Frauen in einer Zelle im Polizeipräsidium wieder, unter ihnen eine Psychologiestudentin, die als Zuschauerin in den Kessel geraten sei, wo sie erst nach zwei Stunden wieder rauskam, allerdings nur, um vier Stunden in einem Polizeiwagen zu verbringen und den Rest der Nacht im Gefängnis.

Insgesamt nimmt die Polizei an diesem ersten Gipfeltag 491 Demonstranten fest. Zu Unrecht, wie der zuständige Ermittlungsrichter Karl Peter Puszkajler noch am selben Abend feststellt. Er ordnet die unverzügliche Freilassung der Festgehaltenen an.

Selbstverständlich sind die Prügelszenen nicht die Art von Werbung, die sich die Staatsregierung vom Treffen der Mächtigen erhofft hat. Und selbstverständlich rechtfertigt Münchens Polizeipräsident Roland Koller den rustikalen Einsatz, denn es habe der "Anfangsverdacht einer strafbaren Handlung" vorgelegen und überdies seien "geschulte Führungsfiguren der reisenden Politikkriminellenszene" beobachtet worden. Und überhaupt: Seine Beamten hätten "nicht sinnlos drauflosgeprügelt".

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Polizeigewalt als bayerische Folklore?

Trotzdem waren eingekesselte und im Schwitzkasten abgeführte Demonstranten kein schöner Anblick, weshalb sich Ministerpräsident Streibl veranlasst sieht, den aus aller Welt angereisten Journalisten beim Folkloreabend im Hofbräuhaus die volkskulturellen Hintergründe des Polizeieinsatzes zu erklären: "Wenn einer glaubt, er muss sich mit Bayern unbedingt anlegen und er muss stören, dass wir dann manchmal etwas härter hinlangen oder durchgreifen, auch das ist bayerische Art. Jeder muss wissen, wenn er nach Bayern kommt, dass er's eben mit Bayern zu tun bekommt."

An den Stammtischen mag das gut ankommen, ansonsten aber sind weder die Opposition noch viele bayerische Bürger übermäßig begeistert, vom Ministerpräsidenten als wildes Gebirgsvolk gefeiert zu werden, für das die Wirtshausschlägerei das Vorbild jeglicher Konfliktlösung ist. Es wird einige Jahre dauern, bis die Leute beim Begriff "bayerische Art" an etwas anderes denken als an Polizeikessel und Gummiknüppel.

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Es versteht sich von selbst, dass sich das juristische Nachspiel des "Münchner Kessels" ebenfalls über Jahre hinwegzieht. Das Landgericht München I beurteilt die Einkesselung als rechtswidrig und spricht den klagenden Demonstranten Schmerzensgeld zu. Größeres Verständnis findet die Polizei beim Oberlandesgericht, das den Kessel in Ordnung findet und lediglich beanstandet, dass ein Teil der Demonstranten länger in Gewahrsam genommen wurde als nötig. Diese - es sind insgesamt 84 Personen - erhalten 50 Mark Schmerzensgeld.

Ganz ohne Gerichtsverfahren endet die von Ude angezeigte Misshandlung eines Demonstranten auf dem Marienhof. Wie sich Monate später herausstellt, stammen beide aus den neuen Bundesländern, gehören derselben Partei - allem Anschein nach der PDS - an und sind sich auch sonst nicht mehr bös. Damit erübrigt sich auch die Anzeige. Ude: "Nach einem Gedankenaustausch über den sozialistischen Lauf der Dinge hat der Demonstrant die Anzeige zurückgenommen."

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