Süddeutsche Zeitung

München 2018: Bewerbung auf der Kippe:Olympische Nöte

Aufmüpfige Bauern, Finanzierungsprobleme und ein wütender Organisations-Chef: Bei der Münchner Olympiabewerbung läuft alles schief, was schieflaufen kann. Schuld daran ist auch der Hochmut der Planer.

Wenn eine Stadt sich um die Olympischen Spiele bewirbt, geht es ihr nicht um den Sport; es geht ihr nicht um die Athleten; und es geht ihr schon gar nicht um das, was man den olympischen Geist nennt. Der Stadt geht es allein um sich selbst: um ihr Image, um ihren Ruf, ihr weltweites Ansehen. Sie will sich präsentieren und hofft auf das große Geschäft vor, während und nach den Spielen.

Wenn sich also München darum bemüht, die Winterspiele 2018 ausrichten zu dürfen, geht es auch hier in erster Linie um Selbstbespiegelung. Es geht darum, noch mehr Touristen und Geschäftsreisende anzuziehen, die ihr Geld in Hotels, Geschäften oder beim Oktoberfest ausgeben. Und es geht darum, wie die Welt auf München, auf Munich, auf Monaco di Baviera schaut - und was sie von dieser schönen, aber im Vergleich zu anderen Metropolen nicht mehr so bedeutenden Stadt mittlerweile hält.

Vor knapp vier Jahrzehnten, als München erstmals die Sommerspiele ausrichten durfte (und zwei Jahre später auch das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft), war die bayerische Stadt in den Augen vieler nicht der einzige, aber doch ein Nabel der Welt.

Die Rolling Stones, Deep Purple oder Donna Summer kamen nach München, um in den legendären Musicland Studios ihre Platten aufzunehmen. Mick Jagger zog nachts durch die Stadt, die Schwulen feierten weit früher als anderswo ihr Coming-out, im Englischen Garten bestaunte man die Nackten, und Rainer Werner Fassbinder, Rosa von Praunheim oder Billy Wilder drehten bei der Bavaria ihre Filme. Niemand redete über Berlin. München war die deutsche Metropole und bekam dank der Spiele auch endlich eine U-Bahn.

Einen ähnlichen Schub wie 1972 erhoffen sich die Stadtoberen, die bayerische Staatsregierung und die Bewerbungsgesellschaft auch von den Winterspielen 2018. Doch es sieht so aus, als könnte der Traum vom neuerlichen Olympia-Boom schon bald zerplatzen. Denn bei dem großen Projekt Olympia 2018 läuft fast alles schief, was nur schieflaufen kann.

Der Modemacher Willy Bogner, der die Bewerbungsgesellschaft leitet, hat deshalb in einem Brief an die Olympia-Gesellschafter kaum verhohlen mit seinem Rücktritt gedroht. Er fühlt sich nicht hinreichend unterstützt - offenbar nicht nur finanziell, sondern auch ideell. Man hat den Eindruck, als kämpfe Bogner recht verloren für ein Projekt, das eigentlich nicht nur eine lokale, sondern eine nationale Kraftanstrengung erfordert.

Die Probleme beginnen schon im Kleinen

Die Probleme beginnen schon im Kleinen: So haben die Politiker von Stadt und Freistaat schlicht unterschätzt, wie aufmüpfig die Bauern im Oberland sind, deren Land sie für die Spiele benötigen. Denn München hat das gleiche Problem wie schon die vergangenen drei Ausrichterstädte der Winterspiele, Salt Lake City, Turin und Vancouver: München ist eigentlich keine Wintersport-Stadt, die Berge sind eine Stunde weg.

Noch sehr viel größer ist die Distanz zwischen jenen in München, die Olympia unbedingt wollen, und den Landwirten, die sich von den Planern an die Wand gedrückt fühlen. Die Bauern im Oberland ärgern sich über die Arroganz der Politiker und schimpfen über den Oberbürgermeister im fernen München, der für Olympia um die halbe Welt gereist ist, sie aber noch nie auf ihren Höfen besucht hat.

Oberammergau hat sich deshalb bereits aus dem Kreis jener Orte verabschiedet, die für München den großen Teil der Wettbewerbe ausrichten sollen. In Garmisch-Partenkirchen droht ein ähnliches Debakel. Dann wäre Olympia 2018 endgültig gescheitert.

Und schuld wären nicht ein paar aufmüpfige Bauern, sondern der Hochmut der Olympia-Planer. Denn es geht in diesem Konflikt um den Kern dessen, was die Olympischen Spiele ausmacht: um den Kommerz. Wie sehr darf man die Spiele den Interessen des Geldes unterwerfen? Und wie sehr darf sich die Politik dem unterwerfen? Oder geht es bei Olympia nicht doch um mehr?

Geld allein jedenfalls interessiert die Widerspenstigen im Oberland nicht. Sie wollen sich nicht kaufen lassen, sondern mit ihren Anliegen vor allem ernst genommen werden. Genau hier aber erweisen sich die Politiker aus Garmisch und aus München als wenig sensibel. Sie treiben das Olympia-Projekt so voran wie Edmund Stoiber einst den Transrapid - mit viel Energie und Akribie, aber ohne das Gespür, dass heute die meisten Großvorhaben die Bürger nicht aus sich heraus überzeugen. Die Olympischen Spiele unterscheiden sich da nicht sonderlich von einem neuen Kohlekraftwerk.

Wenn also die Olympia-Bewerbung für 2018 doch noch erfolgreich sein soll, müssen die Münchner Olympia-Planer ihre Strategie von Grund auf ändern. Sie müssen um ihr ehrgeiziges Vorhaben viel intensiver werben. Sie müssen sehr viel genauer erklären, was die Spiele der Stadt, dem Freistaat und dem Land, aber auch den Bauern im Oberland bringen.

Nur wenn es ihnen gelingt, diejenigen im Kleinen zu überzeugen, die nicht gleich Hurra schreien, nur weil es um Olympia geht, werden sie in den zwölf Monaten bis zur Vergabe der Spiele im Juli 2011 die notwendige große Olympia-Begeisterung erzeugen können. Andernfalls wird die Münchner Bewerbung kläglich scheitern. Für die Stadt, aber auch das ganze Land wäre dies eine vertane Chance.

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Quelle:
SZ vom 15.07.2010/mar
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