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Mühldorf:"Da ist er ja, der Nazi-Nikolaus!"

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Ein Weihnachtsmann läuft durch eine Fußgängerzone. Peter Mück wird bis auf weiteres nicht mehr in die Rolle des Nikolaus schlüpfen.

(Foto: picture alliance / AP Photo)
  • Die Bürgermeisterin von Mühldorf hat dem Nikolaus gekündigt - wegen des Verdachts auf rechte Gesinnung.
  • Peter Mück hat auf Facebook die Forderung nach dem Verbot von Kinderehen unterstützt - allerdings stammt der entsprechende Post von der sogenannten Identitären Bewegung.
  • Die vom Verfassungsschutz beobachtete Aktivisten-Gruppe platzierte häufig Themen, auf die auch viele Bürger ohne rassistische Gesinnung anspringen.
  • Auf Facebook und in Internetforen wird der Fall mittlerweile teils wüst debattiert - und verdreht dargestellt.

Über Jahrzehnte lief der Job von Peter Mück so friedlich, wie es eben auf dem Christkindlmarkt zugehen soll: Ein "romantischer Weihnachtszauber", wie die Stadt Mühldorf es nennt, immer am Nachmittag der Besuch vom heiligen Nikolaus - Mücks bewährte Rolle. Begleitet von Engeln beschenkt er Kinder mit Naschereien. Nun aber hat Bürgermeisterin Marianne Zollner (SPD) den Nikolaus gefeuert - wegen Verdachts auf rechtsextreme Gesinnung.

Mück sagt: Selbst wenn er wieder Nikolaus sein dürfte, schließe er eine Rückkehr kategorisch aus. Er wolle es den Kindern ersparen, dass ihm einer beim Gabenverteilen nachrufe: "Da ist er ja, der Nazi-Nikolaus!" Adventliche Aggression in der oberbayerischen Kreisstadt. Wie konnte es dazu kommen?

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Die sogenannte Identitäre Bewegung (IB), eine vom Verfassungsschutz beobachtete Aktivisten-Gruppe, hatte in Mühldorf Plakate mit dem Slogan "Kinderehe = Kindesmissbrauch" verteilt. Der Protest zielt auf die laufende bundesweite Debatte über ein Verbot von Kinderehen. Mück jedenfalls gab Fotos der Aktion auf Facebook ein "Gefällt mir" und verfasste einen zustimmenden Kommentar. Laut der Bürgermeisterin sei dies unter anderem Eltern aufgefallen, deren Kinder als Engerl mitgegangen waren. Sie habe Mück dann vergangene Woche zum Gespräch gebeten und ihm die Distanzierung von der IB naheleget.

Zollner sagt: "Ich erklärte ihm, dass diese Bewegung meines Erachtens die Gleichheit und Würde aller Menschen sowie unsere demokratischen Grundwerte nicht achte und diese Einstellung nicht vereinbar sei mit der Tätigkeit als Nikolaus. Herr Mück reagierte sehr abweisend, sagte, er habe das Recht auf freie Meinungsäußerung." Mück wiederum meinte im Anschluss in einem Facebook-Beitrag: Er hätte sich vielleicht besser über die IB informieren sollen, habe aber nichts mit denen zu tun, ebenso wenig mit der AfD, wie ihm jetzt unterstellt werde. Er habe nie "in Wort, Tat und Schrift die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Verfassung des Freistaates Bayern in irgendeiner Weise bekämpft." Allerdings: Die "Kernaussage" der Aktion - also die Geißelung von Kinderehen - "ist für mich dennoch richtig und vertretbar."

Die Identitäre Bewegung, die vor allem mit Kundgebungen, Flugblättern und Besetzungen arbeitet, wird seit Jahresbeginn 2016 vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet. In der Antwort der Staatsregierung auf eine Landtagsanfrage heißt es: In der Ideologie "wird die Bedeutung von Abstammung und Identität in einer Art und Weise betont, die eine starke Nähe zum biologistischen Denken und der völkischen Ideologie von Rechtsextremisten erkennen lässt." Die IB warnt etwa vor einem "Bevölkerungsaustausch" durch Zuwanderung.

Bei Veranstaltungen mit IB-Beteiligung, zum Beispiel bei den Grenz-Demonstrationen zwischen Freilassing und Salzburg, konnte der Verfassungsschutz "das gesamte Spektrum der bayerischen rechtsextremistischen Szene" feststellen, etwa der NPD. Allerdings hörte man auch in der Grenzstadt von Bürgern, die sich gegen ungebremste Zuwanderung positionieren wollten, nicht aber gewusst haben wollen, mit wem sie sich da genau einließen.

Über Forderungen wie das Verbot von Kinderehen oder stringentere Grenzkontrollen, die viele Bürger ohne rassistische Gesinnung durchaus billigen, gelingt der IB in Bayern offenbar ein Kontakt zur Bevölkerung. Sehr heimatnah nutzt sie in Bayern aktuell das Schlagwort "Lederhosenrevolte". Diese "Masche", wie es Bürgermeisterin Zollner nennt, verfängt offenbar leicht.

Auf Facebook und in Internetforen wird die Causa mittlerweile teils wüst debattiert. Rechtsextreme Blogs verdrehen den Vorfall gar soweit, dass die SPD von Nikoläusen ein Bekenntnis zu Kinderehen und zum Kindesmissbrauch verlange. Inzwischen sehen sich der Nikolaus wie die Bürgermeisterin permanenten Beschimpfungen und Shitstorms ausgesetzt, Bürgermeisterin Zollner berichtet der SZ sogar von Morddrohungen, sie sei in gewissen Kreisen "als Kinderschänderin in aller Munde". Kommende Woche wird der Markt endlich eröffnet, ohne den erprobten Nikolaus. "Lassen Sie sich vom Mühldorfer Christkindlmarkt verzaubern", wirbt die Stadt in einem Imagetext. Ob das in der aufgeheizten Situation noch so einfach möglich ist?

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