Mücken in Bayern Paradies für Blutsauger

Hochwasser, Regen und milde Temperaturen: Selten zuvor waren die Bedingungen für Mücken so gut wie in diesem Jahr. Besonders schlimm ist die Mückenplage am Chiemsee - wer dort draußen grillt, braucht einen Ganzkörperanzug.

Von Korbinian Eisenberger

Wenn im oberbayerischen Laimgrub am Chiemsee die Sonne scheint, trifft sich Stefan Obermayer, 25, mit seinen Fußball-Kameraden vom TSV Chieming regelmäßig zum Grillen. Nackensteaks, Bratwürste und Bier waren bisher die bewährten Zutaten für einen gelungenen Sommerabend auf der Terrasse. Vor Kurzem mussten Obermayer und seine Kollegen jedoch vorzeitig ins Haus flüchten - die Bäuche leer, dafür gesprenkelt mit roten Stichen. Wenn er sich mittlerweile nach Sonnenuntergang draußen aufhalten wolle, bräuchte er einen Ganzkörperschutzanzug, sagt Obermayer. Der Grund: Am Chiemsee gibt es derzeit etwa zehnmal so viele Stechmücken wie üblich.

Über zerstochene Arme und Beine klagen jedoch nicht nur die Menschen am Chiemsee. Wegen der Hochwasser-Katastrophe leidet mittlerweile ganz Bayern unter den Stechmücken. Vor allem an Seen und in überschwemmten Gebieten haben sich die Insekten rasant vermehrt. Bei einem Wurf legt ein Weibchen 200 bis 300 Eier, die sich innerhalb von ein bis zwei Wochen zu flugfähigen Insekten entwickeln. Auch sie sind dann reif für die Paarung. In Tümpeln und Pfützen genießen die Larven die Sonne, um sich alsbald zu entpuppen und dann zu ihrem ersten Opfer zu surren.

"Mücken brauchen Wasser und Wärme", sagt Norbert Becker, Vorsitzender der European Mosquito Control Association. Die Hochwasserflut und die anschließende Hitzewelle hätten dazu geführt, dass auf einer Fläche, wo sich normal um diese Zeit 1000 Larven entwickeln, jetzt 10 000 entstehen. Im niederbayerischen Deggendorf werden derzeit in akribischer Kleinarbeit Schöpfproben aus Tümpeln und Weihern genommen, um verbleibende Junglarven aufzuspüren.

Am Chiemsee ist dies jedoch bereits zu spät. Becker, der mit seiner Firma Icybac am Chiemsee das Schädlings-Bekämpfungsmittel BTI (Bacillus thurigiensis israelensis) einsetzt, war hier machtlos. Am Chiemsee konnten die Mücken aufgrund der hohen Pegel während der Flutkatastrophe nicht wie sonst üblich großflächig mit Hubschraubern bekämpft werden.

Bei der Analyse der Schöpfproben ergab sich, dass ein großer Teil der Mücken bereits verpuppt war. Das Problem daran: "Wenn die Überschwemmungs-Mücken schon so weit entwickelt sind, fressen sie es nicht mehr", sagt Becker. Daher habe es keinen Sinn, das Mittel jetzt noch über den Schilfgebieten und Wiesen am Chiemseeufer zu versprühen. "Die biologische Schädlingsbekämpfung stößt bei solchen Bedingungen eben an ihre Grenzen", sagt Becker.

"Ich habe mir Gift gekauft"

Für die betroffenen Regionen wird die Mückenplage zunehmend zum ernst zu nehmenden Problem. Hoteliers, Pensions- und Biergartenbetreibern sind die stechenden Insekten genauso ein Dorn im Auge wie vielen Touristen. Im Internet fordern bereits zahlreiche Gäste, man müsse etwas gegen die Mücken unternehmen. "Ich habe mir Gift gekauft und setze es bereits ein. Jeder der selbsternannten Tierschützer und Geologenmeister gehört nach einem Waldlauf nackt an einen Baum gehängt", ärgert sich ein Tourist im Online-Portal "Chiemgau24.de".

Gefahren für sportlich ambitionierte Gäste lauern aber nicht nur im Chiemgau. Im Gegensatz zum Chiemsee wird in der Nähe vieler bayerischer Gewässer ohnehin überhaupt kein Bekämpfungsmittel gesprüht. Am Wörthsee im Landkreis Starnberg etwa darf sich in das Naturschutzgebiet kein einziger Spritzer des biologischen BTI-Mittels verirren. Zum Vergleich: Am Chiemsee werden pro Jahr bis zu sieben Tonnen davon auf die Felder und Wiesen verteilt.

Dazu ist es in diesem Juni jedoch bereits zu spät. "Als die Viecher gekommen sind, habe ich erst mal im Minutentakt Zigaretten geraucht", sagt Stefan Obermayer. "Es hat aber nicht viel geholfen, die haben mich sogar durch mein T-Shirt gestochen."