Neues Audi-Motorsportzentrum Volle Dröhnung

Spieler des FC Bayern durften auf dem Kurs des Sponsors schon ein paar Runden drehen. Dabei waren Thomas Müller und Philipp Lahm im R8 unterwegs.

(Foto: L. Preiss/Bongarts/Getty)

Wirtschaftlicher Impuls, Imagegewinn und Glücksfall: Das alles ist das neue Kompetenz-Center Motorsport, das Audi in Neuburg an der Donau eröffnet. Nur die Anwohner sehen das anders.

Von Wolfgang Wittl, Neuburg an der Donau

Eines sollte man vielleicht vorausschicken: Günter Steinwand hat nichts gegen den FC Bayern München, er bezeichnet sich sogar als Fan des deutschen Fußballrekordmeisters. Trotzdem konnte er auf einen Besuch getrost verzichten, als die Bayern am vergangenen Samstag in Mannschaftsstärke unmittelbar in seiner Nachbarschaft aufkreuzten. Mehr als 2000 Menschen waren nach Neuburg an der Donau gekommen, um sich Autogramme zu holen und den Spielern zuzujubeln. Steinwand blieb zu Hause. Sehen, nein, sehen wollte er seine Lieblinge nicht. "Ich hab sie ja gehört." Das reichte ihm.

Zuerst brachten die Münchner beim Sponsor ihren Fuhrpark auf den aktuellen Stand, dann wartete eine besondere Attraktion auf sie: Auf dem neuen Fahr- und Präsentationsgelände von Audi durften sie ein paar Runden drehen. Torwart Manuel Neuer zwängte seine 1,93 Meter so bereitwillig in einen Sportsitz, als setze er sich in ein Entmüdungsbecken. David Alaba zupfte Franck Ribéry am Ohr und alberte vergnügt, mit so einem Raser steige er nie wieder in ein Auto. Nur Günter Steinwand hatte keinen Spaß. Er war froh, als endlich alles wieder vorüber war.

Das ist die emotionale Bandbreite, seit Audi das Gelände im April in Betrieb genommen hat: Autoverrückte Gäste juchzen, lärmgeplagte Anwohner stöhnen auf.

Lärm vom Fahrtrainingsgelände

Steinwand, 56, ist der Ortssprecher von Bruck, einem etwa 500 Einwohner zählenden Stadtteil von Neuburg. Mit Lärm sind die Brucker vertraut. Sie leben nahe der B 16, auch der Neuburger Flugplatz ist nicht weit. Dieses Geräusch aber war neu für sie. So viele Lastwagen heute? Das könne doch nicht sein, dachte sich Steinwand eines Tages. Es dauerte einen Moment, bis er merkte, dass dieses Brummen vom neuen Fahrtrainingsgelände herüberwehte.

Freie Fahrt: Auf dem Testgelände, das Foto zeigt den Stand im Juni, stehen 3,4 Kilometer Rundkurs und 30 000 Quadratmeter Dynamikfläche zur Verfügung.

(Foto: Audi/oh)

Für Audis Motorsportstrategie bedeutet die 47 Hektar große Anlage einen entscheidenden Sprung. Bislang war die Sportabteilung wie ein Puzzle in viele Richtungen verstreut, ein Teil residierte etwa in einem alten, umgebauten Supermarkt. Nun werden sämtliche Komponenten in einem "Kompetenz-Center Motorsport" der kurzen Wege zusammengefügt. Einzig die Konstruktion der Motoren bleibt in Neckarsulm angesiedelt. Ihre Erprobung und die Koordinierung der weltweiten Renneinsätze erfolgen künftig von Neuburg aus.

Etwa 350 Beschäftigte sollen hier tätig sein, dazu weitere 110 Mitarbeiter von Partnerfirmen. Für die Stadt Neuburg bedeute die Ansiedlung einen Impuls und Imagegewinn sondergleichen, einen Glücksfall für die ganze Region, wie Oberbürgermeister Bernhard Gmehling sagt. Diesen Samstag wird die Anlage mit einem Festakt für geladene Gäste offiziell eröffnet. Der für die Allgemeinheit interessanteste Bereich dürfte das "Driving Experience Center" sein, auf dem die Kundschaft unter Anleitung ihre fahrerischen Qualitäten ausloten kann. Insgesamt 3,4 Kilometer Teststrecke stehen zur Verfügung, 30 000 Quadratmeter sogenannte Dynamikfläche. Nicht nur die Bayern-Profis empfinden das Fahrtraining offenbar als attraktiv: 12 000 Besucher erwartet Audi in diesem Jahr, noch mehr im kommenden. Viele Kurse sind bereits jetzt bis zum Jahresende ausgebucht.

Audi stellt Besserung in Aussicht

Das alles wäre kein Problem, sagt Günter Steinwand, wäre da nicht die Sache mit diesem einen Wagen. Das Auto, das die Brucker regelmäßig aufhorchen lässt, ist der Audi R8. Und leider sei dieser R8 mit seinem V 10-Motor bei den Kunden buchstäblich der Renner, klagt Steinwand. Um die 500 PS bringt das Gefährt auf die Strecke, je nach Modell. Mit einem Lärm, wie die Brucker ihn sich nicht hatten vorstellen können. Eine Stunde sei noch zu ertragen, sagen sie. Ganze Nachmittage oder Tage, wie in den Pfingstferien, sei das Geräusch jedoch nicht auszuhalten. Anwohner sprechen von Psychoterror, selbst dreifach verglaste Fenster reichten nicht aus, um den Lärm aus dem Haus fernzuhalten. Und weht der Wind einmal nicht aus Westen, erwische es eben die fast 3000 Menschen in Heinrichsheim. Steinwand hat sich inzwischen sogar unfreiwillig ein Wissen über internationales Fahrverhalten angeeignet. Die vorsichtigen Gäste aus China etwa, die in Zeitlupe um die Kurve kriechen, sind ihm sehr willkommen. Die meisten freilich treiben den R8 an seine Grenzen.

Doch im Grunde haben die Brucker Audi nicht einmal etwas vorzuwerfen. Von Anfang an hat der Konzern die Bevölkerung offen an den Planungen beteiligt, in mehreren Versammlungen wurden die Bürger informiert. Außerdem liegt die Lautstärke innerhalb der erlaubten Richtwerte. Nur werden bei Messungen - wie allgemein üblich - nicht einzelne Spitzen herangezogen, sondern der Durchschnittswert über mehrere Stunden. Als das Ackerland zum Industriegebiet ausgewiesen wurde, waren die Brucker noch froh, dass Audi sich hier niederlässt. Es hätte auch ein Chemiebetrieb mit drei Schichten kommen können, fürchteten sie. Mittlerweile hat sich die Stimmung etwas gedreht. So ein Fahrsicherheitstraining sei schon ein besonderes Erlebnis, sagt Steinwand mit Galgenhumor: "Für die Gäste einmal, für uns immer."

Immerhin: Rettung naht. Audi, konfrontiert mit der Kritik, hat den Bruckern nun Besserung in Aussicht gestellt. Schutzwälle und lärmmindernden Asphalt gibt es bereits, also wolle man versuchen, die Lautstärke des R8-Motors zu drosseln. Es entspreche dem Stil des Unternehmens, eine partnerschaftliche Lösung mit den Anrainern zu finden, sagt ein Sprecher. Dafür sei man Audi auch sehr dankbar, sagt Günter Steinwand. Bis es so weit sei, werde man die Ohren allerdings weiter offen halten.