Monika Gruber im Gespräch "Ich wollte tot sein"

Die Kabarettistin Monika Gruber litt als Jugendliche unter Magersucht: Über Gründe ihrer Krankheit und wer sie zurück ins Leben brachte.

Interview: Michael Ruhland

Im Jahr 2006 bekam sie den Bayerischen Kabarettpreis in der Kategorie Senkrechtstarter, 2007 den Ernst-Hoferichter-Preis, 2010 war sie für den Deutschen Comedypreis nominiert. Monika Gruber, 39, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kabarettistinnen. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in Tittenkofen im Landkreis Erding. Dort erlebte sie nach einer glücklichen Kindheit in der Jugend ihre dunkelsten Jahre. Sie war im Alter von 17 bis 20 Jahren magersüchtig.

Monika Gruber: "Ich hatte Angst, wieder normal zu essen, weil ich ja nicht dick werden wollte."

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Frau Gruber, angenommen, Sie hätten eine Tochter im Teenager-Alter und Sie würden merken, dass sich deren Essverhalten schleichend ändert, was ...

... man merkt das gleich. Nicht am Tisch sitzen, keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, mit Begründungen wie: Ich hab' schon in der Schule gegessen, ich bin noch vom Frühstück voll. Gewisse Lebensmittel wie Fleisch oder Butter werden gar nicht mehr angerührt, irgendwann auch keine Süßigkeiten und kein Brot mehr.

Was aber würden Sie tun, wenn Sie den geliebten Menschen abdriften sähen?

Ich würde Hilfe von außen suchen. Meine Familie kam damals einfach nicht mehr an mich ran. Die wusste natürlich, dass etwas nicht stimmt, obwohl ich mit allen Mitteln versuchte, mein Hungern zu verbergen oder abzustreiten, selbst als ich mehr als ein Jahr lang keine Periode mehr hatte. Eltern können nicht viel ausrichten. Das Blatt hat sich erst gewendet, als mein Vater sagte: "Schluss jetzt, ich bringe dich zum Frauenarzt und bleibe sitzen, bis du zu ihm in die Sprechstunde gehst und erzählst, was los ist."

Was sagte der Gynäkologe zu Ihnen?

Der sah mich nur an und wusste sofort Bescheid. Ich wog damals noch 45 Kilo bei einer Größe von 1,75 Metern. Die Hüftknochen standen heraus, die Rippen waren deutlich zu sehen. Der Arzt beschwor mich: "Ich sag's Ihnen nur einmal: Sie sind dabei, Ihr Leben zu ruinieren, Sie können unfruchtbar werden und sogar sterben. Wenn ich Sie so anschaue, dann dauert das vielleicht gar nicht mehr so lang." So deutlich hatte das vorher noch keiner zu mir gesagt.

Das war eine harte Botschaft. Konnten Sie damit umgehen?

Es war hart, aber ich glaube, nur so funktioniert's. Man neigt als Teenager dazu, von den Eltern nichts anzunehmen. Meine Mama versuchte es mit gutem Zureden, mit Schimpfen, Schreien - es nützte nichts.

Der Arztbesuch rüttelte Sie auf?

Ich war zunächst total niedergeschmettert und fiel in ein tiefes Loch. Ich war hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen: "Oh Gott, ich muss etwas tun" und: "Nur wie, ich kann das nicht". Ich hatte Angst, wieder normal zu essen, weil ich ja nicht dick werden wollte. Die ersten Wochen nach dem Arztbesuch wollte ich nur noch, dass es aufhört, ich wollte tot sein. Ich wollte mich nicht mit mir auseinandersetzen, mit den Ursachen dieser Krankheit, mit einem Weg umzukehren. Doch irgendwann merkte ich: Ich darf mich nicht aufgeben, nicht mein Leben einfach wegschmeißen.

Mit dem Abstand von 20 Jahren: Was waren die Gründe für Ihre Magersucht?

Es fiel mir schwer, mich so zu akzeptieren, wie ich war. Ich schielte immer auf die anderen, dachte, die sind so toll. Die anderen in der Schule hatten Benetton-Klamotten an, waren beim besseren Friseur, waren sportlich - und ich kam zum ersten Schultag im Gymnasium mit dem Dirndlg'wand, Haferl-Haarschnitt und dicker Brille daher. Alle wurden von ihren Eltern begleitet, nur ich nicht, weil meine im Stall waren. Ich war die Einzige in meiner Klasse, die vom Bauernhof kam und bairisch redete. Wahrscheinlich ging es da in meinem Kopf schon los.

Wie hat das Hungern angefangen?

Durch Cliquen-Zwang. Irgendwann erzählte eines der Mädels, sie habe gestern nur drei Karotten und zwei Äpfel gegessen. Sie finde, dass ihr ein paar Kilo weniger nicht schaden könnten. So ging es los: Cola ging nicht mehr, sondern nur Wasser, Kohlenhydrate waren bäh.

Und da haben alle mitgemacht?

Es war wie ein Sog. Ein paar zog es mit in den Strudel, ein paar sind rechtzeitig ausgestiegen. Zwei von uns sind auf dieser Hungerschiene hängengeblieben.