Zeuge in Modellbau-Affäre "Flucht wäre eine Kleinigkeit gewesen"

Hier sollen die Hintergründe der Haderthauer-Affäre beleuchtet werden: im Untersuchungsausschuss "Modellbau" im Bayerischen Landtag.

(Foto: dpa)
  • Im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags zu den Hintergründen der Haderthauer-Affäre steht eine spektakuläre Zeugenvernehmung an:
  • Der verurteilte Dreifachmörder Roland S. - einer der Schlüsselzeugen - soll dort aussagen.
  • Er war der Hauptkonstrukteur der teuren Luxus-Modellautos, die das Unternehmen von Christine und Hubert Haderthauer über Jahre hinweg in alle Welt verkaufte.
  • Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählt Roland S. vorab, er habe zu keinem Zeitpunkt je an Flucht gedacht, obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben habe.
Von Dietrich Mittler

Im Modellbau-Untersuchungsausschuss des Landtags wird an diesem Freitag jener Mann zu Wort kommen, der in der Affäre um die frühere Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (CSU) eine entscheidende Rolle spielte. "Roland S. ist ein Kardinalzeuge", ist Horst Arnold, der Vorsitzende des Ausschusses, überzeugt. Als Konstrukteur "der edlen Modellautos", so der SPD-Politiker, werde Roland S. tiefe Einblicke geben können, wie der Modellbau durch psychisch kranke Straftäter in den Bezirkskrankenhäusern Ansbach und später Straubing begann und dann ablief.

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Bei der Anhörung des Zeugen werden auch die damaligen Sicherheitsvorkehrungen in Ansbach hohen Stellenwert haben. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagt Roland S. am Donnerstag, er habe zu keinem Zeitpunkt je an Flucht gedacht, obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben habe. Für genehmigte Reisen - etwa zu einer Modellbaumesse nach Dortmund - habe er sogar "auf Station" seinen Personalausweis ausgehändigt bekommen. "Es waren halt andere Zeiten, das darf man nie außer Acht lassen", erklärte Roland S. angesichts der öffentlichen Kritik an den damaligen Zuständen in Ansbach.

"Er durfte sogar ein Wochenende auf einer Jagdhütte in Frankreich verbringen"

Insbesondere Horst Arnold sieht hier Klärungsbedarf: "Roland S. hat zahlreiche Sonderbehandlungen erfahren", sagt er. Restaurantbesuche und Modellbaumessen seien dem Zeugen in Ansbach nicht fremd gewesen. "Er durfte sogar ein Wochenende auf einer Jagdhütte in Frankreich verbringen", sagt Arnold. Dort, so kam bei der vorangegangenen Sitzung des Ausschusses heraus, seien auch Jagdwaffen und Munition aufbewahrt worden.

"Ich habe nicht gewusst, dass dort Waffen sein sollen. Ich habe da auch keine gesehen. Und wenn ich sie gesehen hätte, dann hätte ich sie nicht angerührt", sagt indes Roland S., der in der Zeit von 1971 bis 1985 drei Sexualpartner getötet hatte und dafür schließlich in der Psychiatrie untergebracht wurde.

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Den kurzen Aufenthalt bei Roger Ponton, dem früheren Geschäftspartner von Christine und Hubert Haderthauer, datiert Roland S. auf das Jahr 1993. Die Aufregung darum kann er nicht verstehen: "Wenn es ums Abhauen gegangen wäre, hätte ich nicht erst bis nach Frankreich fahren müssen, da hätte ich auch sonst genügend Gelegenheiten gehabt", sagt er.

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In den zwölf Jahren, in denen er in Ansbach gewesen sei, seien an die 20 Mitpatienten geflüchtet. "Ich habe mich aber nie angeschlossen. Weil ich es einfach nicht wollte - aber es wäre eine Kleinigkeit gewesen", sagt Roland S. auf Nachfrage. Genau das werde er nun auch "den Abgeordneten im Untersuchungsausschuss sagen". Einmal, so sagt er, seien sogar fünf Patienten "auf einmal gegangen". Andere seien draußen entwischt, wenn sie mit dem Sicherheitsdienst unterwegs waren. "Es wurde ja niemand in Fesseln ausgeführt", betont Roland S. im Gespräch mit der SZ.

Horst Arnold und die weiteren Mitglieder des Ausschusses haben indes nicht nur die einstigen Gegebenheiten im Bezirkskrankenhaus Ansbach im Auge. Sie wollen auch wissen, inwieweit Roland S. von seinem Arzt Hubert Haderthauer "instrumentalisiert wurde, um Geschäfte zu machen", wie Arnold es ausdrückt. Es spreche viel dafür, "dass die finanziellen Interessen im Vordergrund standen". So liege der Verdacht nahe, dass die Roland S. zustehende Therapie "eher eine beiläufige Rolle" gespielt habe. Aus Sicht der Landtags-SPD ist das ein Skandal: "Der Mann hat für die Haderthauers Modellautos gebaut, die sehr teuer verkauft worden sind, während die öffentliche Hand mit Steuermitteln dabei draufgezahlt hat."