Mobbing:Die Macht der Courage

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Ausgrenzung kann jede und jeden treffen. Elementar ist, dass das Umfeld aktiv wird - gerade in der Pandemie, in der Mobbing im Internet zugenommen hat. Dazu geben Experten auch an Schulen Rat.

Von Nadja Tausche, München

"Sobald sich Mobbing verfestigt hat, haben sie selbst keine Chance sich daraus zu befreien", sagt die Medienpädagogin Vera Borngässer. Deshalb komme den Menschen rundherum eine wichtige Rolle zu, da sie die Ausgrenzung verhindern könnten. Das Thema ist akut, denn mit der Corona-Pandemie hat Mobbing im Internet zugenommen: So gaben 47 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen bei der sogenannten JIM-Studie 2021 zum Medienumgang von Jugendlichen an, im Monat vor der Befragung beleidigenden Kommentaren im Netz begegnet zu sein. Vor der Pandemie war die Zahl um zehn Prozentpunkte niedriger.

Das Projekt "Digitale Helden", an dem sich auch Borngässer beteiligt, geht dagegen vor, etwa mit Kursen sowie in Zusammenarbeit mit den Betriebskrankenkassen Landesverband Bayern (BKK) mit Programmen an derzeit 20 bayerischen Schulen. Schülerinnen und Schüler werden dabei zu Mentoren ausgebildet, es geht um verschiedenste Themen rund um den Umgang mit dem Internet. Bei einem Online-Seminar zum "Safer Internet Day" erklärte die Medienpädagogin nun, wie Lehrer und Schüler Mobbing entgegen treten können.

Wichtig sei, sagte Borngässer: Nicht jede Beleidigung sei gleich Mobbing. Dafür brauche es ein Ungleichgewicht der Kräfte zwischen den beiden Seiten. Und: "Die schlimmen Folgen für Betroffene entstehen daraus, dass sich die Übergriffe über einen längeren Zeitraum wiederholen." Irgendwann verschiebe sich so das ganze Wertesystem einer Gruppe, etwa einer Schulklasse: Auf einmal sei es legitim, Einzelne anders zu behandeln als den Rest. Bis dahin aber sei es ein Prozess - und hierbei gelte es anzusetzen.

Mobbing entstehe nur da, wo das Umfeld es zulasse

Vor dem eigentlichen Mobbing werde zuerst einmal ausgetestet, wer wie auf Übergriffe reagiert, sagt die Medienpädagogin. Wichtig seien die Zuschauerinnen und Zuschauer auch dann, wenn sie passiv bleiben: "Sie unterstützen dieses System, indem sie nichts sagen." Beispiele aus der Praxis sind Klassenchats auf Whatsapp, in denen über den Kleidungsstil einer Mitschülerin gelacht oder ein Mitschüler aus der Gruppe geworfen wird. Die richtige Reaktion: Sagen, dass das nicht in Ordnung ist, nicht "zurückbeleidigen". Das Mobbing entstehe meist im realen Leben, wie Borngässer erklärte, werde aber häufig in der digitalen Welt fortgeführt - mit der Konsequenz, dass sich die Betroffenen nicht einmal im eigenen Zuhause davor schützen könnten.

Was nun tun als Elternteil, dessen Kind gemobbt wird? Ob es helfe, die Eltern des Mobbers oder der Mobberin zur Rede zu stellen, fragte ein Teilnehmer des Seminars, das sich an Eltern, Lehrerinnen und Schulsozialarbeiter richtete. Bedingt, sagte die Pädagogin: "Am wichtigsten ist, nichts zu tun, was die Vertrauensbasis mit dem Kind gefährdet." Heißt auch: Auf keinen Fall heimlich die Chats auf dem Handy des Kindes prüfen. Für Lehrer sei wichtig, in der Klasse ein Wir-Gefühl mit klaren Regeln zu etablieren. Und der oder die Gemobbte selbst solle sich Unterstützung suchen statt zu verheimlichen, und darüber sprechen, etwa mit der Klassenleitung. Im schlimmsten Fall komme ein Schulwechsel in Betracht, sagte Borngässer. Aber: "Der ändert nichts am System" - und Mobbing entstehe nur da, wo das Umfeld es zulasse.

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