Skifahren trotz Klimawandel:Bayerischer Wald: Neue Lifte, neuer Ärger

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Skifahren trotz Klimawandel: Noch schaukelt im Skigebiet Mitterdorf die alte Doppelsesselbahn zum Almberg hinauf. Geht es nach Gemeinde und Landkreis, soll sie einem Sechssitzer weichen.

Noch schaukelt im Skigebiet Mitterdorf die alte Doppelsesselbahn zum Almberg hinauf. Geht es nach Gemeinde und Landkreis, soll sie einem Sechssitzer weichen.

(Foto: Tourismusverband Ostbayern)

Das Skigebiet Mitterdorf soll ausgebaut werden - doch ob das nachhaltig ist, bezweifeln unter anderem die Grünen. Damit geht der in Bayern schon andernorts geführte Streit um neue Lifte in eine weitere Runde.

Von Maximilian Gerl, Philippsreut

Wer dieser Tage bei Bürgermeister Helmut Knaus anruft, trifft auf jemanden, den das nicht überrascht. "Ich kann es mir schon denken", sagt er zur Begrüßung. Und tatsächlich ist ja die Aufregung gerade groß, nicht nur in seiner Gemeinde Philippsreut und im umliegenden Bayerischen Wald. Denn für 20 Millionen Euro soll das örtliche Skigebiet Mitterdorf ausgebaut werden, was nicht alle so gut finden wie Knaus. Am Telefon aber drückt der erst einmal auf die Bremse. Bislang gebe es nur "grobe Entwürfe", sagt er über die Pläne, "jetzt muss man das alles durchsprechen".

Durchgesprochen wird das Thema eigentlich seit Jahren, an wechselnden Orten mit ähnlichen Zutaten. Vereinfacht sieht das dann gerne so aus: Ein Skigebiet will für viel Geld neue Lifte bauen. Auf der einen Seite finden sich Rathaus- und Wirtschaftsvertreter wieder, die im Ausbau eine Standortsicherung sehen - auf der anderen Seite Einheimische und Naturschützer, die grüne Wege in die Zukunft einschlagen wollen. Und weil bei dem Ganzen oft staatliche Fördermillionen im Spiel sind, reden auch Staatsregierung und Opposition mit.

Viersitzer statt Schlepplift, Sechssitzer statt Doppelsessel

Auch im Fall Mitterdorf sind diese Zutaten vorhanden. Das vor allem bei Familien beliebte Skigebiet im Landkreis Freyung-Grafenau gehört zu den kleineren in Bayern, ein paar Pisten und Lifte. Den höchsten Punkt bildet der Almberg mit 1139 Metern. Die Ausbaupläne sehen vor, die Doppelsesselbahn hinauf durch einen Sechssitzer zu ersetzen sowie einen der Schlepplifte durch eine Vierer-Sesselbahn. Daneben ist als Sommerattraktion unter anderem eine "Fly-Line" im Gespräch, eine Art Seilrutsche. Laut Bürgermeister Knaus hätten sich die Ansprüche der Gäste geändert, man komme um eine Modernisierung nicht herum. Er hofft, so Wertschöpfung in der Region halten zu können: Ob Hoteliers, Bäcker, Metzger oder Schreiner, alle hingen am Tourismus.

Kritik an den Plänen kommt unter anderem von der örtlichen Abteilung des Bund Naturschutz. Schon heute laufen am Almberg die Schneekanonen. Dabei habe das Gebiet immer wieder mit Wasserarmut und sinkenden Grundwasserpegeln zu kämpfen, warnt die Naturschützerin Antje Laux im Bayerischen Rundfunk: 2015 zum Beispiel sei die Situation so schlimm gewesen, dass "Wasser in Tankwagen herantransportiert werden musste". Und das Landesamt für Umwelt verheißt in seinem jüngsten "Klima-Report Bayern" den Mittelgebirgsregionen generell eine eher düstere, weil nicht-weiße Zukunft. Dort sei der Klimawandel bereits zu spüren; die Skigebiete "müssen auf Grund ihrer Höhenlage mit einem Rückgang des Skitourismus rechnen". Schaufelt sich Mitterdorf ein Millionengrab?

"Wir hatten an Weihnachten mehr Schnee als der Arber"

Dass Mitterdorf zu niedrig liege, um langfristig Skifahren zu ermöglichen, davon will Bürgermeister Knaus nichts hören. "Wir hatten an Weihnachten mehr Schnee als der Arber", sagt Knaus - und das, obwohl der mit seinen 1455 Metern höher ist als der Almberg. Aktuell liegen 30 Zentimeter auf der Piste. Auch das mit dem Wasser ärgert Knaus am Telefon hörbar. Trinkwasser anzuzapfen, "das werden wir nicht machen", sagt er. Geplant sei vielmehr ein Rückhaltebecken für Regenwasser.

Der Streit um neue Lifte hat in Bayern eine gewisse Tradition. Solche Diskussionen kennen sie zum Beispiel am Sudelfeld, Riedberger Horn oder Grünten - auch wenn diese Fälle schon ob ihrer Dimensionen mit Mitterdorf begrenzt vergleichbar sind. Der Druck auf und unter den Winterdestinationen steigt. Vor allem in Österreich haben manche Regionen in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet, in Schneekanonen und Co. investiert. Wer da Urlauber anlocken will, muss entweder mitziehen oder sich umorientieren. Geld kostet beides.

Fünf Millionen Euro muss die 640-Einwohner-Gemeinde aufbringen

Auch für Mitterdorf ist die Konkurrenz groß: Zum Arber ist es nicht weit. Und wie anderswo birgt allein die Kostenfrage Streitpotenzial. Von den geschätzt 20 Millionen Euro müsste die Gemeinde 25 Prozent aufbringen, also fünf Millionen Euro. Bei 640 Einwohnern eine "Riesenhausnummer", wie Knaus einräumt. Die Staatsregierung würde voraussichtlich sechs Millionen Euro aus dem Seilbahnförderprogramm beisteuern.

Über einen Bescheid von 10,5 Millionen Euro freute sich erst vergangene Woche das Skigebiet am Ochsenkopf im Landkreis Bayreuth. Fotos zeigen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) am Berg, eisigen Wolken trotzend. "Mit der Steigerung der Attraktivität der Tourismusregion Oberfranken betreiben wir auch eine aktive Besucherstromlenkung und entlasten die touristischen Hotspots in ganz Bayern", so lässt er sich in einer Pressemitteilung zitieren. Sein Sprecher bestätigt: "Das gilt auch für die Steigerung der Attraktivität von Mitterdorf".

Skifahren trotz Klimawandel: Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und der Bayreuther Landrat Florian Wiedemann am Ochsenkopf.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und der Bayreuther Landrat Florian Wiedemann am Ochsenkopf.

(Foto: Elke Neureuther/StMWi)

Als Förderprogramm für abseits der großen Touristenströme liegende Destinationen ist das Programm laut Ministerium dennoch nicht gedacht. Ziel sei es vielmehr, bestehende Infrastruktur zu erhalten, Seilbahnanlagen gezielt zu modernisieren und Ganzjahrestourismus zu ermöglichen. Die in Mitterdorf geplanten Attraktionen würden auf die "Hauptzielgruppen" ausgerichtet: "Mehrgenerationenfamilien und Sportler mit Beeinträchtigungen". Und: Es sei auch zu bedenken, dass die Skiregion ihre Infrastruktur über Jahrzehnte auf den Wintertourismus ausgerichtet habe. "Ihr kann nicht von heute auf morgen die Grundlage entzogen werden."

Die Grünen warnen vor einer "Eventisierung" der Berge

Dass das Geld zur Seilbahnförderung tatsächlich so gut angelegt ist, bezweifeln wiederum die Grünen. Deren Landeschef Thomas von Sarnowski - nach eigener Aussage selbst begeisterter Skifahrer - sieht die Kriterien für die Mittelvergabe durchaus kritisch. Gegen eine Erneuerung von Liftanlagen sei nichts einzuwenden. Aber einen Ausbau der Kapazitäten "sollte man genau durchrechnen", schließlich gehe es um die Grundsatzfrage, wo öffentliches Geld am sinnvollsten für die Zukunft investiert sei.

Im Fall Mitterdorf stört sich Sarnowski unter anderem an der "Eventisierung" der Berge, wie sie durch die "Fly-Line" geplant sei. Stattdessen brauche es dringend Gelder für einen sanften und nachhaltigen Tourismus, der angesichts des Klimawandels auch ohne Schnee funktioniere. "Fahren die Leute in den Bayerischen Wald, weil sie Ruhe wollen", sagt er, "oder weil sie Party wollen?"

So oder so: Die Aufregung haben sie jetzt in Philippsreut - und ihre ganz eigene Ausbau-Diskussion.

In der ursprünglichen Fassung wurde das Skigebiet Dreisessel als ein Konkurrent genannt. Der Dreisesselberg ist zwar immer noch ein bekanntes Ausflugsziel, Lifte aber fahren dort schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Die Passage wurde korrigiert.

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Thomas Käsbohrer interessiert sich für einen besonderen Schlag Menschen: Bergwachtler, die sich für andere in Gefahr begeben. Zwei Bücher hat er bereits über sie geschrieben - und über die Einsätze, die sie nie vergessen werden.

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