Mitten in Nürnberg:Unterin sticht Ober

Das politische Gespann Marcus König und Julia Lehner hatte sich in der Halbmillionenstadt nach dem Wahlerfolg hierarchisch sortiert. Zumindest theoretisch

Glosse von Olaf Przybilla

Man kennt das ja. Da gibt es einen politischen Kronprinzen oder eine Prinzessin und vornedran die routinierte Fahrensfrau, respektive einen solchen Mann. Und nun treten die beiden also gemeinsam im Wahlkampf auf und jeder ahnt: Die ergänzen sich und irgendwann beerbt der eine den anderen.

2020 war das so auch in Nürnberg, nur eben mit entgegengesetzten Vorzeichen. Als OB - im Rathaus "Ober" genannt - trat für die CSU der zu der Zeit 39 Jahre alte Marcus König an. Eng flankiert von Julia Lehner, 66, die als potenzielle Kulturbürgermeisterin stets neben König zu sehen war, so präsent, dass mancher nicht recht wusste, wer da nun was werden soll.

So eine Kandidatendoppelspitze hatten weder Grüne noch SPD zu bieten. Und dass das Duo ursprünglich eher aus Verlegenheit zusammengespannt worden war - auch in der CSU traute mancher König die Tücken einer Kulturhauptstadtbewerbung nicht recht zu -, geriet bald in Vergessenheit. Mit den beiden auf dem Plakat gelang der CSU ein historischer Sieg.

Und wie funktioniert das jetzt im Alltag? Exemplarisch war das nun in der Debatte ums Klassik Open Air zu beobachten. Das abzusagen, sah sich die Stadt genötigt, weil sie mit 8000 Besuchern geplant hatte, pandemiebedingt aber höchstens 2000 in einen riesigen Landschaftspark hereinlassen durfte. Absage also, Riesenempörung, offener Brief der Orchester an die Staatsregierung. Alles sehr verständlich, zumal Fußballspiele ja mit weit mehr Besuchern stattfinden dürfen.

König, als Sponti berüchtigt, setzte im BR-Interview noch einen drauf: Wenn im Stadion solche Mengen erlaubt sind, zöge die Klassik eben dorthin um. Notfalls, ergänzten andere verzückt, im Trikot!

Man glaubt, den Ton des hier unterstellten Anrufs regelrecht im Ohr zu haben: "Ach Marcus, hier ist die Julia. Ganz schöne Idee, du, aber wie oft soll ich dir noch sagen, dass man, bevor man öffentlich redet, vorher noch mal ganz kurz ..."

Inzwischen standen in den Nürnberger Nachrichten sechs sehr handfeste Gründe, warum so ein Umzug ins Stadion "gar nicht möglich" sei. Etwa weil die Musiker im einzig infrage kommenden Zeitraum gar nicht in der Stadt sind. Zitierte Quelle: Julia Lehner. Debatte damit beendet.

Ober sticht Unter, respektive Unterin? Mag anderswo schon zutreffen.

© SZ vom 13.07.2021
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