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Mitten in Nürnberg:Fränkische Ekstase

Generalmusikdirektorin Joanna Mallwitz versetzt die Nürnberger in einen Kulturrausch. Der würde gut zum neuen Konzerthaus passen. Aber bis dahin ist es noch lange

Das Theater gleicht einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fallen einander schluchzend in die Arme, Frauen wanken, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es droht allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.

So war das im Nationaltheater Mannheim, bei der Uraufführung von Schillers "Räubern" 1782. Und es ist kein Zufall, dass einem genau das wieder mal in den Sinn kommt nach einem "Expeditionskonzert" von Joana Mallwitz im Nürnberger Staatstheater. Franken, das sind Menschen aus jenem Völkchen, das mitunter als semiverstockt beschrieben wird, und nur unter Zwang fähig sein soll zu einer nicht von des Gedankens Blässe angekränkelten Ekstase. Sie, die Franken, beschreiben sich nicht selten selbst so - aber wirklich nur, wenn sie nicht gerade aus einem Mallwitz-Konzert kommen.

Wer sich fragt, woran es liegt, dass diese Generalmusikdirektorin inzwischen für ziemlich jeden Job in der internationalen Musikszene gehandelt wird, dem sei als Deutungshilfe eines jener Konzerte empfohlen, in denen Mallwitz eine "Expedition" verspricht. Wobei das leichter gesagt ist als getan. Früher galten Bayreuth-Karten als der kulturelle Hauptgewinn in Nordbayern. Wenn es so weiter geht mit der Mallwitz-Begeisterung, muss man demnächst drei "Ring"-Billetts gegen eine Mallwitz-Karte eintauschen.

Ein Hype? Wer Mallwitz zuhört, wie sie eine Stunde lang eine Brahms-Symphonie in freier Rede in die Einzelteile zerlegt, wie sie mäandert zwischen Klavier und Pult, wie sie nebenbei Klassik-Ignoranten zu entflammen sucht ("Vielleicht hören Sie ja heute die Erste von Brahms zum ersten Mal") und danach noch die Kraft findet, eben jene Erste von Brahms auf die Bühne zu zaubern, als wär's das Selbstverständlichste - der wird hernach überzeugt sein, dass dies kein Hype ist. Sondern echte (fränkische) Hingabe.

Ein dunkler Fleck indes bleibt. 2024 soll das neue Nürnberger Konzerthaus eröffnet werden. Die Stadt arbeitet mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln daran, dass Mallwitz das Haus eröffnen wird. Die Chancen? Dürften mittelprächtig sein - und mit jedem weiteren Expeditionskonzert mittelprächtiger werden.

© SZ vom 18.02.2020
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