Saal der Nürnberger Prozesse:Söder verabschiedet sich von Disneyland

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Memorium Nürnberger Prozesse

Vor knapp 65 Jahren - am 20. November 1945 - begann in dem Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes der Hauptkriegsverbrecherprozess gegen Nazi-Größen wie Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß.

(Foto: dpa)

In Saal 600 fanden 1945 die Nürnberger Prozesse statt. Heimatminister und Zeithistoriker Söder wollte den Raum in den Original-Zustand zurückbauen. Jetzt hat er sich's anders überlegt.

Von Olaf Przybilla

Man muss sich nur in die Lage des Japaners versetzen. Er ist nun also in der Stadt, die ihm im Reiseführer durch exakt einen Begriff aufgefallen ist. Nein, nicht durch Drei-im-Weckla. Den Begriff kennt ja nicht mal die Bundeskanzlerin, die zu Wochenbeginn bei einem Besuch in Nürnberg auf die Frage, ob sie sich noch, ja genau, Drei-im-Weckla schmecken lasse, sinngemäß antwortete: Hm, ehrlich gesagt wären ihr ein paar Rostbratwürste lieber.

Was soll's. Der Japaner jedenfalls kennt Nürnberg vor allem wegen der gleichnamigen Prozesse. Man neigt dazu, das sehr zu unterschätzen. Aber nur so lange, bis man einmal Busladungen von Touristen dabei beobachtet hat, wie sie in den Justizpalast drängen, was ein mindestens kurioses Bild abgibt. Sie alle wollen in den Saal 600, in dem 1945 Weltgeschichte geschrieben wurde. Aber sie können Pech haben dabei.

Am Mittwoch zum Beispiel brauchte das Gericht den größten Saal des Hauses selbst, um ein Urteil vor viel Publikum zu verkünden. Bilder machen verboten. Was man sich, wie gesagt, nur mal ganz kurz aus der Sicht des Japaners vorstellen muss.

Da melden sich nur dummerweise immer diese lästigen Fachleute

Das alles soll sich ändern, worüber sich alle einig sind. Und es wird sich auch ändern, neben dem Palast entsteht ein neues Justizzentrum, dort sollen künftig große Prozesse stattfinden. Aus dem Saal 600 wird ein Museum, was den bekannten Nürnberger Zeithistoriker Markus Söder vor einem Jahr zu einem subtilen Rundumschlag gegen die Stadt veranlasste. Nürnberg müsse, wolle man endlich auch Weltkulturerbestadt werden, die Sache mit dem Saal viel "professioneller" angehen. Und er, Söder, schlage deshalb vor, den Saal in den Zustand des Jahres 1945 zurückzubauen.

Das Dumme ist nur: Es melden sich in solchen Fällen ja immer diese lästigen Fachleute. Söder wurde also angedeutet, dass aus der Zeit gerade mal zwei historische Holzbänke im Fundus überlebt hätten. Dass man den Rest des Mobiliars wie in Disneyland nachschnitzen müsste. Und sowas bei der Welterbe-Kommission womöglich nicht so gut ankäme.

Söder schnaubte. Setzte eine Kommission ein. Wartete ein Jahr. Und verkündete nun in den Nürnberger Nachrichten, er habe sich "überzeugen lassen". Kein Disneyland im Saal 600. Immerhin.

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