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Mitten in Ingolstadt:Exklave Winden

Randgebiete größerer Städte haben seit jeher ein Auge darauf, nicht abgehängt zu werden. Und wenn dann noch der Ausbau einer Bundesstraße geplant wird, wird die Unruhe schnell groß

Kolumne von Johann Osel

Wer bei Ingolstadt nur an die Altstadt oder die Werke der Autoindustrie denkt, der dürfte überrascht sein, wie groß die Stadt tatsächlich ist. Eine Fahrt an die Ränder führt in Dörfer, die ein Ortsfremder wohl den Nachbarlandkreisen zurechnen würde - dabei sind sie Stadtgebiet. Wie Irgertsheim im Westen, wo nicht Audis vom Band rollen, sondern Traktoren vom Feld. Oder Winden, ein Flecken im Süden, recht idyllisch mit Feldern, Wiesen und Reitställen. Dort aber herrscht akut Unruhe - wegen eines geplanten großen Ausbaus der Bundesstraße, womöglich inklusive Verschwenkung. Dass eine solche Trasse viel Lärm brächte und den Dorfkindern den Bolzplatz wegnehmen würde, macht die Leute schon unglücklich. Weitere Sorge aber: Könnte die Verschwenkung Winden von der Stadt abtrennen? Eine Exklave Winden quasi? Befahrbar nur über den Nachbarlandkreis Neuburg-Schrobenhausen.

Nun steht das Vorhaben in einem Plan, der weit entfernt klingt: im Bundesverkehrswegeplan 2030, und mit mehreren Varianten. Die gut 100 Windener jedoch sind aufgeschreckt und haben - präventiv - eine Bürgerinitiative gebildet. "Wir müssen jetzt aufmucken und wollen auf uns aufmerksam machen", sagt Sprecherin Corinna Winter. Nicht dass es irgendwann heiße: "Ups, jetzt ist's halt so." Die Windener wollen auch Einblick in die Entscheidungsfindung. Es geht ihnen eben um die Angst, abgeschnitten zu werden; und vielen auch darum, ob man die Straße "so aufblähen muss", wie Winter sagt, zulasten des Ortes. Oder ob nicht, etwa mit Blick auf Klimaschutz und die zukünftige Mobilität, "mehr Sinn und Verstand" nötig sei. Zur Gründung der Initiative im Windener Treff Lenzhäusl war aus jedem Haushalt jemand da. Bürgerinitiativen haben mittlerweile übrigens auch andere Orte entlang der B 16 vom Autobahnanschluss bei Manching bis nach Neuburg.

Die Stadt hat eigentlich nichts zu melden, entschieden wird an höherer Stelle. Erste Signale, wonach man im Rathaus nichts zum Schaden der Windener goutiere, gab es. Inzwischen schlief der Kontakt aber ein. Winden bleibt in Hab-Acht-Stellung. Ein Protestplakat war der Anfang, bald wollen sie die Verschwenkung "abstecken" - damit jeder sehe, was zerstört würde und wie nah die neue Straße heranrücken könnte an die Vielleicht-Exklave.

© SZ vom 23.10.2020

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