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Mitten in Ingolstadt:Ein Herz für Kirschdiebe

Der Herbst ist da und damit die Lust auf Obstkuchen. Aber woher nehmen, wenn man keine eigenen Bäume hat? Man könnte freilich Äpfel und Birnen anderswo pflücken oder auflesen, aber darf man das? Das soll jetzt in Ingolstadt mal grundsätzlich geregelt werden

Kolumne von Johann Osel

Apfelstrudel, Nusskuchen, Zwetschgendatschi - es herbstelt gewaltig in Bayern, es ist Erntezeit und das schlägt sich auch am Kaffeetisch nieder. Wer keinen eigenen Garten mit Bäumen hat und eher der Kategorie Sparfuchs zuneigt, kann sich zwecks Herbstgefühl im Magen auch irgendwo ein paar Früchte vom Baum oder Boden mopsen - sofern er Ärger mit dem Besitzer in Kauf nehmen möchte. In Ingolstadt soll diese Form des Mundraubs, wenn es nach dem Willen der Grünen im Stadtrat geht, jetzt höchst offiziell gebilligt, ja sogar gefördert werden. Immer wieder riefen Bürger bei der Stadt an und fragten nach, ob sie Früchte von den Obstbäumen im Stadtgebiet holen können. "Das dürfen sie - sofern die Bäume auf städtischem Grund stehen", sagt die Fraktionschefin Barbara Leininger. Ingolstadt ist keineswegs nur Altstadt und Industrie, vielmehr gehören dörfliche Orte fernab der City gleichermaßen zum Stadtgebiet. Bisher gibt es weder ein Verzeichnis, in dem man städtische Bäume einsehen kann, noch Kennzeichnungen. Das soll sich nach dem Willen der Grünen ändern.

Nun tun die Bürger erst mal gut daran, sich nicht einfach an den Früchten anderer zu bedienen. Nicht jeder reagiert ja so human wie Bertolt Brecht es skizziert, im Gedicht "Der Kirschdieb". Da heißt es: "Auf meinem Kirschbaum, Dämmerung füllte den Garten / Saß ein junger Mann mit geflickter Hose / Und pflückte lustig meine Kirschen. / Mich sehend / Nickte er mir zu, mit beiden Händen / Holte er die Kirschen von den Zweigen in seine Taschen." Und was macht das lyrische Ich im Gedicht? Erfreut sich am fröhlichen Pfeifen des Pflückers. Anderes hört man aus bayerischen Dörfern, wo sich Baumbesitzer gar mit dem Luftgewehr auf die Lauer legen. Vielleicht ist das aber eine von Besitzern kolportierte Legende, um gefräßige Nachbarskinder fernzuhalten.

In Ingolstadt könnte bald Klarheit herrschen zu den kommunalen Obstbäumen. Denkbar ist ein Schild oder farbiges Band mit Hinweis: Pflücken erlaubt! Und das städtische Obstbaumkataster, von der Birne bis zur Walnuss. Begründung des Stadtratsantrags: "Obst ernten macht Spaß", städtische Bäume sollten "nicht nur Insidern" Freude bereiten. Ein Detail darf freilich nicht fehlen beim heiteren Ernten: "in haushaltsüblichen Mengen".

© SZ vom 08.10.2020

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