Süddeutsche Zeitung

Mitten in Erlangen:Lagerraum statt Theatercafé

Jede Stadt ist froh, wenn sie sich mit einem kulturhistorischen Juwel schmücken kann und lässt solche Institutionen unangetastet. Jede Stadt? Leider nicht offenbar

Glosse von Olaf Przybilla

Ob es München oder Frankfurt war, wo er aus dem Flieger gestiegen ist? Konnte der Landarbeiter Habib Bektas nicht unterscheiden, weiß es bis heute nicht. Also bitte! Man wird doch grundverschiedene Städte auseinanderhalten können, strahlend schön die eine.

Ja doch, heute könnte Bektas das. 1973 aber, als er als Landarbeiter aus dem türkischen Salihli kam, wusste er nur dieses Ziel des Fluges: Deutschland. Name des Landeorts war egal. Dafür weiß Bektas noch, dass der Abholer am Airport vier Mitflieger ausgewählt hat damals: einen Bauern, einen Friseur, einen Kellner und eben ihn, den Landarbeiter. Danach lernte er eine deutsche Vokabel: Erlangen.

Eben dort war Bektas dann erst mal Schichtarbeiter, jahrelang. Und hat seiner neuen Heimat später bewegende Verse gewidmet: "Die erste Liebe in meiner zweiten Sprache / das erste Wort, das ich sprach, Silbe für Silbe: / Er-lan-gen."

Aus dem am Airport rekrutierten Arbeiter in der Textilindustrie wurde ein Schriftsteller und Verleger - und der Betreiber der schönsten Kulturkneipe Nordbayerns. In dem von Bektas in Erlangen aus der Taufe gehobenen "Theatercafé" betritt man ein Stück Literaturhistorie. Die Großen der Nachkriegsliteratur haben dort schon dem Alkohol zugesprochen, als Poetenfestgäste gerne bis vier Uhr früh. Auf den Fotos an der Wand, in Schwarz-Weiß, kann man sie anschauen.

Eine Institution folglich, ein kulturhistorisches Juwel - und also unantastbar? Leider nein. Im Stadtrat wurde kürzlich allen Ernstes debattiert, ob man das Café künftig als Lagerraum nutzen könnte.

Neue Brandschutzvorschriften machen einen Notausgang für die "Theatergarage", Erlangens Kammerspiele, notwendig. Und mit der teilt sich das Theatercafé seit jeher den Eingangsbereich. Weil folglich die eine Institution Platz braucht, fänden es manche offenbar angemessen, die andere Institution schlicht aufzulösen und gleich richtig Raum zu schaffen. Zumal der legendäre Café-Chef Bektas ja längst einen Nachfolger gefunden habe.

Lagerraum also statt begehbare Literaturgeschichte? Ein paar Stadträte scheinen ihre Erlanger mäßig zu kennen: Die Erregungskurve ist seither sympathisch hoch, das Theatercafé in aller Munde. Selbst die seltsamste Idee hat eben mitunter die schönsten Nebenwirkungen.

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Quelle:
SZ vom 14.06.2021
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