Mitten in BayreuthRichtig, aber viel zu spät

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Beim Umgang mit der Nazi-Vergangenheit tut sich die eine Stadt leichter, die andere ganz offensichtlich schwerer. Das zeigt sich jetzt eindeutig bei den Plänen für das Chamberlain-Haus

Kolumne von Olaf Przybilla

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Aus Perspektive der Landeshauptstadt gibt es zwischen Nürnberg und Bayreuth keine großen Unterschiede zu erkennen. Beide rühmen sich einer bedeutenden fränkisch-protestantischen Tradition. Beide Städte gelten in ihren Regierungsbezirken als Protagonisten, die eine als größte Stadt Mittelfrankens, die andere als Hauptstadt Oberfrankens. Und beide haben an ihrem NS-Erbe zu knabbern, wurden ihnen doch von den Nazis maximal unrühmliche Hauptrollen zugewiesen: hier als Stadt der Reichsparteitage, dort als Festspielort des Führers.

Das Wurzelwerk also ist sehr ähnlich, wie man damit umgeht, darin unterscheiden sich die beiden freilich erheblich. Die Bischof-Meiser-Straße etwa: In Nürnberg hatte der Stadtrat schon 2007 die Expertise mehrerer Wissenschaftler eingeholt, man stritt leidenschaftlich. Am Ende wurde zwar Meisers Kampf gegen die Gleichschaltung der Kirche unter den Nazis gewürdigt; weil sich Meiser indes antisemitischer Entgleisungen schuldig gemacht und zur Judenverfolgung geschwiegen hatte, entschied man mit großer Mehrheit, die Straße umzubenennen.

In Bayreuth? Haben sie sich dagegen entschieden - und sind, oh Wunder, kürzlich erneut von einer bizarren Bischof-Meiser-Debatte eingeholt worden. Es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ein Meiser-kritischer Leserbrief die Stadt in einen Zustand versetzt, der einer Agonie nicht unähnlich ist. Denn bislang gehen die Bewahrer und Relativierer dort gerne noch als Sieger vom Platz.

Aber ist es nicht ein Zeichen neuen Geschichtsbewusstseins, dass die Stadt nun plant, das Chamberlain-Haus in ein NS-Dokuzentrum umzuwandeln? Das mögen manche so sehen. Denn nein, der besagte Chamberlain hat nichts mit den "Dornenvögeln" zu tun, es geht da vielmehr um Houston Stewart Chamberlain, Verehrer und Schwiegersohn Wagners und einer der widerwärtigsten intellektuellen Wegbereiter des NS-Rassismus - dessen Bayreuther Villa bislang ein Museum des in der Hinsicht mehr als bemitleidenswerten Jean Paul beheimatet.

Respekt also für die geplante Umwandlung? Nein, Verzeihung, wirklich nicht. Der Plan ist richtig, keine Frage. Aber er kommt nicht Jahre, sondern Jahrzehnte zu spät. Nürnbergs Dokuzentrum wurde 1994 beschlossen. Keinen Tag zu früh.

© SZ vom 14.07.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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