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Mitten in Bayern:Zeigt her Eure Oberarme!

Der Sommer naht, da werden üblicherweise bestimmte Körperteile freigelegt, die es bis dahin möglichst gut in Form zu bringen gilt. Heuer allerdings schaut kaum einer auf Waschbrettbäuche und Knackpos. Die Pandemie lenkt den Blick auf andere Körperteile

Glosse von Maximilian Gerl

Was ist vorzeigens- und begehrenswert? Darauf fanden die Menschen je nach Zeit andere Antworten. Oberarme spielten mitunter eine nachgeordnete Rolle. Bis heute. Was einst die Bikinifigur war, ist jetzt der nackte, schlaffe, oft blasse, entspannt herabhängende Bizeps. Dazu muss man sich nur mal die vielen Fotos anschauen, die es auf allen Kanälen herein spült. So zeigte neulich Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber öffentlich ihren Oberarm her; ein kurzärmeliges Shirt und ein Arzt mit Spritze lenken den Blick auf das entscheidende Körperteil. Auf einem anderen Bild entledigt sich der Memminger Amtskollege Manfred Schilder gleich halb des Hemds. Voller Körpereinsatz.

Ja, die Corona-Impfungen schreiten voran. Wie sozialen Netzwerken und Pressemitteilungen zu entnehmen ist, sind mit der Priorisierungsgruppe drei nun unter anderem die Spitzenleute der öffentlichen Verwaltung an der Reihe. Und auch andere, die schon das Vergnügen hatten, lassen gerne am Pieks teilhaben, ob sie nun Schauspielerinnen oder Supermarktangestellte, Freunde oder Verwandte sind. Wer hat, der kann. Mit Recht: Wer die Impfung bekommen hat, kann hoffen, vom leidigen Coronavirus verschont zu bleiben. Und man darf ja nicht vergessen, dass es sonst privat wenig zu melden und zu bestaunen gibt. Das Leben dreht sich zwischen Bett, Küchenschreibtisch und Kühlschrank. Instagram-tauglich ist das nur bedingt. Schon eine Runde um den Block kommt einem Ausbruch aus dem Alltag nahe. Wie groß muss die Flucht erst sein, wenn endlich die ersehnte Anti-Covid-Spritze im Arm steckt!

Der bleibt indes bei vielen Menschen vorerst weiter bedeckt, notgedrungen. Auch der Autor dieser Zeilen wird mit der Selbstentblößung warten müssen, bis die Reihe an ihn kommt. Wenigstens bleibt so neben dem neidvollen Blick auf schöne Bilder etwas Zeit, die Ärmchen zu trainieren - damit sie dann im großen Augenblick nicht mehr gar so nach dürrer Haring ausschauen. Also: Ab sofort unterbrechen das tägliche Bett-Tisch-Kühlschrank-Pendeln ein paar Liegestützen. An der Bikinifigur muss man schließlich rechtzeitig arbeiten. Wer erst im Sommer damit anfängt, ist zu spät dran.

© SZ vom 27.04.2021
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