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Mitten in Bayern:Systematisch relevant

In der Coronakrise wurde schon vielen ihre Wichtigkeit bescheinigt. Geholfen hat ihnen das aber nicht in jedem Fall

Kolumne von Maximilian Gerl

Auch für Bayerns Schausteller und Marktkaufleute sind die Zeiten hart, die Coronakrise bedroht viele in ihrer Existenz. Mit einer Demonstration in München machten sie vergangene Woche auf ihre Not aufmerksam und bekamen prompt einen prominenten Fürsprecher: "Ihr seid systemrelevant", sagte Wirtschaftsminister Huber Aiwanger (FW), "weil ihr Lebensfreude produziert." Moment. War da nicht was? Tatsächlich, den Begriff "systemrelevant" hat man aus Aiwangers Mund schon öfter vernommen: So bezeichnete er in den vergangenen Monaten und Jahren unter anderem Almbauern, die traditionellen Strukturen des Handwerks, Kraftfahrzeugwerkstätten, Gaststätten und den Individualverkehr mit dem Auto. Fast könnte man da den Eindruck bekommen, das Wort sei für Aiwanger, nun ja, systemrelevant.

Nun ist Aiwanger nicht der einzige, der es häufig benutzt, mancher Verband zum Beispiel greift ähnlich gern drauf zurück. Und je länger die Coronakrise dauert, desto öfter hört man es. Wenn das so weitergeht, sind in Bayern bald alle systemrelevant. Dabei war der Begriff zu Anfang dieser Pandemie mal anerkennend für die Arbeit von Polizistinnen, Pflegern, Kassierern oder Lebensmittelhandwerkerinnen gedacht, die unsere Gesellschaft auch in einem Lockdown am Leben halten. An den Arbeitsbedingungen und Löhnen hat sich allerdings für die meisten dieser Systemrelevanten bislang wenig Relevantes verbessert. Auch andere Beispiele zeigen, dass dem Loblied nur allzuschnell die Ernüchterung folgen kann. Die "Soforthilfe Corona" etwa startete mit ähnlich großen Worten, dann stellten viele Soloselbstständige fest, dass sie entgegen aller Erwartungen leer ausgehen würden. Die Wut entzündete sich daraufhin erst recht. Übrigens auch gegen Aiwanger, der zuvor auch die "Soforthilfe" fleißig im Mund geführt hatte.

Es kann also eine Krux sein mit der Systemrelevanz, den Schaustellern ist zu wünschen, dass sie das nicht noch leidvoll erfahren müssen. Immerhin eine künstlerische Antwort auf das Problem hat der Allgäuer Musiker Rainer von Vielen gefunden. Aus Aiwanger-Reden schnipselte er ein Lied zusammen, das Ergebnis lässt sich auf Youtube bewundern. Titel, Refrain und Kernaussage des Stücks: "Ich bin systemrelevant."

© SZ vom 13.07.2020

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