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Mitten in Bayern:Schwammerl und Stümper

Heuer wachsen sie gut, heißt es, deswegen sind die Sammler im Wald unterwegs. Mit Korb - und Smartphone. Wer heutzutage Schwammerl sucht, der verlässt sich offenbar gerne auf die entsprechende App, die helfen soll, Steinpilze und Pifferlinge von den giftigen Pilzen zu unterscheiden. Doch das birgt Tücken

Kolumne von Johann Osel

Eine Beobachtung neulich im Wald, wo genau, soll nicht verraten werden. Denn die Akteure sind zwar offenbar Anfänger in ihrem Hobby, dennoch sind sie Schwammerlsucher; und alle Schwammerlsucher-Eide verlangen, dass Pilzplätze geheim bleiben. Das junge Paar streift umher, er mit Korb - sie mit Smartphone. Vor ihnen auf einer Lichtung ein Wiesenchampignon. Oder ein Knollenblätterpilz? Er: "Jetzt sag' schon!" Sie wischt auf dem Gerät herum. Er (ungeduldig): "Jetzt komm!" Sie (verzweifelt): "Ich check' das Scheißding gar nicht." Wie die Sache ausging, ist unbekannt, der Reporter täuschte nur eine kurze Trinkpause vor, um das Paar zu beobachten. Bleibt zu hoffen, dass es ein Champignon war. Oder dass sie ihn stehen ließen. Schwammerl, Smartphone, Stümper - eine unheilvolle Kombination. Vielleicht haben sie noch den QR-Code am Pilz gesucht, um ihn einzuscannen.

Zur Schwammerlsaison in Bayern melden Technik-Portale, was ein "Must have im Herbst" ist, Pflicht für zeitgemäße Leute: eine Pilz-App. Es gibt sie alphabetisch sortiert, B wie Butterpilz, Bärtiger Ritterling, Böhmischer Kahlkopf, Büscheliger Rasling. Und es gibt Varianten, in die man Merkmale einträgt und den Fundort, damit klar ist, dass man am Inn steht, nicht am Nil. Unter Pilzexperten sind die Apps nicht so gut angesehen: Oft ist der angezeigte Bestand üppiger als in normalen Bestimmungsbüchern - fein, denkt man. In Wahrheit jedoch kann es Unerfahrene verwirren, wenn unzählige Pilze auftauchen, die es in hiesigen Gefilden eh nicht gibt. Hinzu kommt die Digitalgläubigkeit heutzutage, wonach das Smartphone irgendwie immer recht hat - was gesunde Zweifel übertünchen kann. Kurzum: Die Apps locken mit vermeintlicher Einfachheit in einem höchst komplexen Metier. Nicht umsonst gibt es Warnhinweise der Macher: Keine Haftung bei Vergiftung.

Da bleibt das klassische Bestimmungsbuch eine gute Wahl, übersichtlich, Akku-unabhängig. Wie "Schwammerlsuche in Bayern" von Norbert Griesbacher, Gründungsmitglied der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft (Battenberg Gietl Verlag). In dem Verlag hat übrigens kürzlich Waltraud Witteler aus Weiden, bekannt als Wildkräuterfachfrau, ihr Pilzkochbuch "Waltrauds Waldgeflüster" veröffentlicht: panierte Schopftintlinge, Perlpilz-Lasagne, Frauentäubling an Zander. Die Rezepte zu verraten, ist - anders als bei Fundplätzen - sicher kein Problem.

© SZ vom 17.09.2020

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