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Mitten in Bayern:Rotweinkuchen zum Abendmahl

Die Corona-Pandemie hat auch in den Kirchen allerhand durch­einander gebracht. Einen Kelch mit Wein reihum reichen? Geht gar nicht! Gut, dass es nun Alternativen gibt

Kolumne von Thomas Stöppler

Gläubige müssen sich trotz aller Corona-Lockerungen immer noch im Verzicht üben. Während katholische Kirchgänger beim Friedensgruß nur nicken dürfen, anstatt dem Banknachbarn herzlich die Hand zu schütteln, trifft es die Protestanten weit härter: Ihnen fehlt der Wein. Im Gegensatz zu ihren Glaubensbrüdern durften sie sich beim Abendmahl nicht nur mit einer Oblate stärken, sondern die aufwühlenden Worte des Pfarrers mit einem Schluck Wein herunterspülen.

Diese einfache Freude hat ihnen Corona seit März genommen. Denn das Ansteckungsrisiko ist immens, wenn 50 Menschen aus dem selben Kelch trinken. Zwar kennen Gläubige virale oder bakterielle Widrigkeiten aus diversen Heilquellen und haben diese oft ignoriert. Die Bethen-Quelle bei Starnberg etwa soll trotz Koli-Bakterien schon Prostata-Krebs geheilt haben. Aber beim Infektionsschutzgesetz macht der Protestant doch Halt.

Die Konzepte, den Wein dennoch irgendwie in den Gottesdienst zu integrieren, erwiesen sich als zu umständlich, so dass die meisten Gemeinden die Fastenzeit kurzerhand ausdehnten. Aber nicht allzu lang: Denn eine einfallsreiche Pfarrerin hat zusammen mit einer Hostienbäckerin in Neuendettelsau bei Ansbach Weinhostien gebacken. Einfach war das nicht, wie die Bäckerin zugibt, weil der Fruchtzucker den Teig an den Backeisen festkleben lässt. Aber nach ein paar Anläufen hat es funktioniert und nun kann sich die Frau vor Anfragen kaum retten: 140 Gemeinden in Bayern schert es nicht, dass Jesu Blut weiß - es kommt eine frühe Scheurebe in den Teig - statt rot ist.

Auf die Idee ist die Pfarrerin übrigens beim Backen eines Rotwein-Kuchens gekommen. Und da stellt sich die Frage, ob der - oder auch eine Schwarzwälder Kirschtorte - nicht die besseren Hostien wären als die arg faden Oblaten. Alkohol wäre ja ebenfalls drin. Die katholische Kirche kennt da aber kein Pardon: Wasser und Weizenmehl, sonst darf nichts in den Hostienteig. Aber die Protestanten, in Sachen Riten ja oft etwas lax, hätten so Möglichkeiten, wieder mehr Besucher in die Kirchen zu locken: "Beim Abendmahl des Gottesdienstes mit Pfarrer Müller am Sonntagvormittag erwartet sie russischer Zupfkuchen oder wahlweise eine Limetten-Kokos-Torte mit Rum."

© SZ vom 22.09.2020

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