Süddeutsche Zeitung

Mitten in Bayern:Professor Sepp

Lange Zeit war es üblich, dass Lehrer an bayerischen Gymnasien mit universitärem Titel angesprochen wurden - nicht jeder Junglehrer Ende der Sechzigerjahre wollte derart auf Distanz zu seinen Schülern gehen. Diese Lockerheit wurde ihm aber schnell ausgetrieben

Zufällig kam es neulich zu einer Begegnung mit einem ehemaligen Lehrer, und natürlich wurde dabei in Erinnerungen geschwelgt. Als er 1968 in den Schuldienst eingestiegen sei, erzählte der längst pensionierte Herr, da sei es üblich gewesen, die Lehrerschaft an den Gymnasien mit Herr/Frau Professor anzusprechen. Beseelt vom antiautoritären Geist der 68er, habe er seine Schüler sogleich ermuntert, ihn doch mit seinem Vornamen Sepp anzureden. Der Rüffel des Fachschaftsleiters folgte sogleich. "Wir sind Professoren" habe er ihn gemaßregelt. Tatsächlich war die Bezeichnung Professor damals an bayerischen Gymnasien weitgehend üblich.

Dass dies ein alter Brauch war, ist in der Literatur gut belegt. In den 1905 erschienenen "Lausbubengeschichten" von Ludwig Thoma heißt es beispielsweise im Kapitel 8: "Unser Klassprofessor Bindinger hatte es auf meine Schwester Marie abgesehen." Im gleichen Jahr erschien Heinrich Manns bezeichnender Roman "Professor Unrat", eine Satire auf das preußische Schulwesen. Nach dem Krieg reagierten junge Menschen zunehmend allergisch auf diese Titelei. 1968 verlangten Schüler des Straubinger Ludwigs-Gymnasiums die Streichung der Anrede Professor. Das Kollegium beugte sich diesem Ansinnen widerstandslos.

Beständiger sind die Verhältnisse in Baden-Württemberg, wo Lehrer mancherorts heute noch als Professor angesprochen werden. Auch im Titel-Paradies Österreich tragen die Lehrkräfte an höheren Schulen nach wie vor diese Bezeichnung. Immerhin geht diese Regel auf eine 150 Jahre alte Entschließung des Kaisers Franz Joseph zurück. Der Schul-Professor hat natürlich keinen Bezug zu einer Tätigkeit an einer Universität, wo der Professorentitel in der Regel die Amts- und Berufsbezeichnung oder den akademischen Titel einer Lehrkraft benennt.

Dessen eingedenk endete das Gespräch mit dem alten Schullehrer mit der Erinnerung an weitere Rangerhöhungen auf dem Schulhof. Ein lebhafter Mitschüler namens Schmiedi hatte einst sogar den Hausmeister eines Landshuter Gymnasiums zum Professor befördert. Die oft grantige Miene des Hausmeisters hellte sich sofort auf, wenn ihm der Schmiedi in größter Unschuld ein "Grüß Gott Herr Professor" entgegenschmetterte.

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Quelle:
SZ vom 10.07.2019
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