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Mitten in Bayern:Original Ischgl oder lieber Kopie?

Es soll ja ein Vergnügen werden - endlich mal wieder, nach den vielen Corona-Einschränkungen. Schließlich steht der Wintersport auf der Piste für Ausgelassenheit an der frischen Luft. Doch so einfach wird es nicht werden

Kolumne von Matthias Köpf

Früher einmal, also vor Ischgl, hätte es schon sein können, dass der eine oder andere bayerische Seilbahnbetreiber oder Sporthotelier insgeheim gehofft hätte, ausgerechnet sein Ort könnte das zweite Ischgl werden. Gerne auch das zweite Zürs, das dritte St. Anton oder vielleicht immerhin noch das vierte oder fünfte Kitzbühel. Aber wie gesagt, das alles war vor Ischgl, in dem Fall natürlich vor dem ersten und einzigen. Jetzt ein zweites? Gott bewahre, aber wenn trotz Corona Ski gefahren würde, dann wäre das für viele halt doch das Leiwandste, wie es der einstige Wiener und jetzige Tiroler Wolfgang Ambros immer schon so schön gesungen hat - auch das lange vor Ischgl und notfalls im Hochsommer bei 35 Grad ohne Schatten zur oberirdischen Eröffnung einer Wiener U-Bahn-Station.

Dass dieses Wien jetzt auch im Herbst ein Hotspot ist, müsste Skifahrer nicht groß kümmern. Viel schlimmer ist es mit Tirol. Die Sache hat den österreichischen Kanzler Kurz neulich sogar schon ein paar Meter und Minuten über die Grenze getrieben, um in Bayern die Botschaft zu überbringen, dass in Österreichs Skigebieten eh wieder alles leiwand sei. Kurzgastgeber Markus Söder und dessen Stellvertreter sprechen dagegen oft und gerne davon, dass es sich daheim in Bayern besonders sicher Skifahren lasse.

Egal ob in Bayrischzell, Garmisch, Oberstdorf, Balderschwang, Bolsterlang oder sonstwo: Während sie früher oft ein bisschen neidvoll hinübergelurt haben nach Tirol, weil da ziemlich was geht, so wollen sie gerade lieber beschaulich bleiben, rein sicherheitshalber. Also Maskenpflicht am Lift und in der Seilbahn plus Mindestabstand auf der Piste. Die Zugspitze ist nicht nur immer ganz oben, sondern genau darum auch ganz vorn dabei und kündigt den Saisonstart für Mitte November an. Doch egal wann die anderen hinterherwedeln: Die Massen, die sonst alle drüben in Tirol die Berge runterbrettern, würden einander in den paar Gebieten in Bayern nur dauernd auf den Skiern herumstehen. Da mag es mancher Mindestabständige auch mal mit dem Tourengehen probieren, das ohnehin immer beliebter wird. Doch dann können die Anwohner in einigen Ausflugsorten gleich die nächste Straßenblockade anmelden. Wer wirklich seine Ruhe haben will, muss dann womöglich ins erste Ischgl fahren.

© SZ vom 15.10.2020
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