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Mitten in Bayern:Nur nicht hudeln

Anerkennende Worte für Berlin gibt es aus dem Süden der Republik eher selten. Gut, dieser Tage schon, schließlich ist der BER fertig und in Betrieb. Doch nun sollte sich der Freistaat darauf gefasst machen, dass seine Baupläne kritisch kommentiert werden könnten

Glosse von Maximilian Gerl

Herzlichen Glückwunsch, Berlin! Es wird auch höchste Zeit. Liebe Worte aus Bayern in die Hauptstadt sind bekanntlich selten, besonders, wenn es ums Funktionieren im Allgemeinen und den Bau von Flughäfen im Speziellen geht. Doch trotz aller Unkenrufe, der BER ist irgendwie fertig geworden und seit Samstag in Betrieb. Damit kann die Suche nach einem würdigen Nachfolger für Hohn und Spott beginnen. Bayern hat sich wie immer vorbildlich auf diesen Tag X vorbereitet und schickt gleich mehrere aussichtsreiche Bauvorhaben ins, nun ja, Schneckenrennen.

Tatsächlich dürfen sich Berliner vorfreudig die Hände reiben. Natürlich wird in Bayern viel gebaut, vielleicht noch mehr aber darüber geredet. Die dritte Startbahn am Münchner Flughafen hat man auf diese Weise ganz gut erledigt. Vom Frankenschnellweg weiß man bis heute nicht, warum er so heißt und ob er mal ausgebaut wird. Über einen besseren Bahnanschluss nach Tschechien wird seit den 1990ern nachgedacht, man sollte die Sache bloß nicht überstürzt angehen. Die Begriffe "Mobilfunk" und "Glasfaser" tauchten im bayerischen Regierungsprogramm 2008 gar nicht auf, insofern liegt ihr Ausbau fast auf Höhe der Zeit. Dass Berlin für viele Infrastrukturprojekte mindestens mitzuständig wäre, ist da allenfalls ein schwacher Trost - seit 2009 stammten alle Bundesverkehrsminister aus Bayern. Außerdem hakt es auch bei kleineren Vorhaben. Die Eröffnung der neuen Dokumentation Obersalzberg lag zuletzt zwei Jahre hinter Plan.

Dem Freistaat drohen also Jahrzehnte schlechter Witzelei. Gnade aus Berlin darf er nicht erwarten. Immerhin auf die Freunde aus Österreich und Italien ist Verlass. Denn beim Brennerbasistunnel gibt es Probleme, die Betreiber kündigten vergangene Woche einem am Bau beteiligten Konsortium einen Milliardenvertrag. Das könnte ein paar Jahre Verzögerung bedeuten - und Schonfrist für die Bayern, den Nordzulauf zum Tunnel fertig zu bekommen. Nur wie? Fragt doch mal in Berlin nach: Wer einen Flughafen bauen kann, kriegt auch ein paar Gleise hin.

© SZ vom 02.11.2020
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