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Mitten in Bayern:Licht und Schatten der Fastenzeit

Nach altem Brauch hat am Aschermittwoch die 40-tägige Fastenzeit begonnen. Viele Menschen werden jedoch das Gefühl nicht los, als lebten sie bereits seit einem Jahr, als die Coronakrise hereinbrach, in einer Art Endlos-Fastenzeit. Verzicht und Verbot sind seitdem hartnäckige Gestalter des Alltags

Glosse von Hans Kratzer

Nach altem Brauch hat am Aschermittwoch die 40-tägige Fastenzeit begonnen. Viele Menschen werden jedoch das Gefühl nicht los, als lebten sie bereits seit einem Jahr, als die Corona-Krise hereinbrach, in einer Art Endlos-Fastenzeit. Verzicht und Verbot sind seitdem hartnäckige Gestalter des Alltags. Was braucht es da noch eine weitere Fastenzeit? Das fragen sich viele, die von den anhaltenden Misslichkeiten schon genug genervt sind. Zumal in Bayern, wo die Menschen seit alters her zur Genusssucht neigen, was abgenagte Gickerlhaxn und Weinkelche in alten Stammesgräbern eindeutig belegen.

Das heißt aber nicht, dass es hier keine Asketen gab, die den Verzicht tapfer ertragen haben. Als der Automobilkönig Henry Ford anno 1930 bei einem Besuch in Oberammergau dem Passionsspielleiter Anton Lang ein Auto schenken wollte, schlug dieser das Angebot sofort aus. Ansonsten aber zermarterten sich die Lederhosen-Asketen lieber den Kopf über die Frage, wie sie die Fasten- und Verzichtsgebote umgehen könnten. Man erfand das Starkbier, weil es selbst nach strenger kirchlicher Auslegung das Fasten nicht bricht. Allerdings führte das zu neuen Exzessen, gebündelt in dem Spruch: "Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, in Bayern ist es umgekehrt."

Jetzt, da die Wirtshäuser geschlossen und keine Zusammenkünfte möglich sind, ist das Begehen von Todsünden fast unmöglich. Der Lockdown ist noch rigider als jene Zeit, in der dem Laster mit dreiwöchigem Vorfasten, wöchentlichem Freitagsfasten, Quatemberfasten und sonstigen Fastenzeiten zu Leibe gerückt wurde. Dieses Stakkato wurde dann sogar der katholischen Kirche zuviel, weshalb sie das Fastengebot vor 50 Jahren neu geregelt hat. Seitdem gelten nur noch der Aschermittwoch und der Karfreitag als strenge Fasttage, aber selbst an jenen Tagen wird das Darben durch raffinierte Fastenspeisen versüßt. Ein Bayernparteiler postet nun im Netz ein Bild mit einer Portion Iglo-Fischstäbchen, die er beim Politischen Aschermittwoch vor dem Bildschirm verdrückt hat.

Natürlich hat die Corona-Fastenzeit auch einen Vorteil. Weil die Starkbierfeste ausfallen, bekommt das Millionenheer der Barnabasse, die den Zuhörern die Leviten lesen, endlich eine verdiente Pause.

© SZ vom 18.02.2021
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