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Mitten in Bayern:Flirtversuche per Corona-Liste

Mit jemandem anzubandeln, war eigentlich noch nie so leicht wie heute. Schließlich liegen Namen und Nummern in manchem Gastro-Betrieb einfach so rum

Kolumne von Johann Osel

Wild zugegangen sein dürfte es in mancher Nacht im Tanzpalast "Fair Lady" in München, auch wenn das Etablissement recht gediegen wirkt mit seinen Kronleuchtern und hölzernen Sitznischen. Ein Foto im Stadtarchiv zeugt von der Eröffnung 1967 und den Attraktionen: "Tanzfläche + Bühne + Rohrpost + Tischtelefon". Anbahnung amouröser Kontakte leicht gemacht - ein Liebesbriefchen wird ein paar Meter weiter geschickt, die Tanzaufforderung fernmündlich vorgetragen. Weder rote Ohren beim Flirt belasten die Situation noch die Schmach einer Absage ins Angesicht. Gerade die Tischtelefone luden freilich auch zum Schabernack ein. Eine Opernsängerin erzählte mal in ihren Erinnerungen: "Wir machten uns ein Vergnügen daraus, irgendwelche Herren zum Rendezvous an die Bar zu bestellen und dann zu beobachten, wie verlegen sie herumstanden."

Und heute? Sind Tischtelefone ausgestorben, dafür gibt es Dating-Apps. Diese haben aber Tücken: Einerseits ist es unwahrscheinlich, dass ein Erkorener oder eine Erkorene im Lokal dieselbe App nutzt. Andererseits gibt es Leute, die mit den digitalen Kanälen hadern - weil man unerwünscht Bilder von Genitalien bekommt oder sich dort Personen tummeln, die Übles im Sinn haben und die Seriosität osteuropäischer Hütchenspielerbanden. Corona kann einen Ausweg aus dem Dilemma bieten, genauer gesagt: die offene Gästeliste. Wie Leser der SZ schreiben, sind einsehbare, fortlaufende Listen offenbar keine Seltenheit in Bayern - Zettel mit Klemmbrett, auf denen untereinander und unverdeckt persönliche Daten stehen. "Die Gästeliste ist so zu führen und zu verwahren, dass Dritte sie nicht einsehen können", fordert zwar das Gesundheitsministerium. Auch der bayerische Hotel- und Gaststättenverband wies via Rundbrief darauf hin, dass jeder Gast am besten einen Einzelbogen erhält. In der Praxis scheint dies aber nicht flächendeckend zu verfangen. Tatsächlich gab es zuletzt Berichte über Flirtversuche in Cafés - SMS an Gäste laut Liste, die man als Tischnachbarn zu erkennen glaubte.

Vielleicht setzt sich bei Wirten noch mehr Listendisziplin durch. Disziplin, so hört man, fehlt aber auch Gästen, die Fantasienamen eintragen. Daher hofft mancher Datenspäher wohl auf eine Bekanntschaft mit: Daisy Duck, Telefon 123456.

© SZ vom 07.08.2020
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