Mitten in Bayern:Die Retter des Fressenden Hauses

Der Schriftsteller Siegfried von Vegesack hatte ein bewegtes Leben, viel Zeit verbrachte er in seinem Haus im Bayerischen Wald. Dem verpasste er einen sprechenden Namen und er hatte allen Grund dazu. Der Erhalt ist eine mühselige Aufgabe

Glosse von Hans Kratzer

Seinem eigenen Zuhause den Namen "Fressendes Haus" zu verpassen, darauf muss man erst einmal kommen. Der Schriftsteller Siegfried von Vegesack (1888-1974) tat dies freilich sehr bewusst. Immerhin hatte er sein ganzes Vermögen in den Erhalt des im Bayerischen Wald gelegenen Gemäuers gesteckt, das er im Kriegsjahr 1918 günstig erworben hatte. Allerdings befand sich der Getreideturm der Burgruine Weißenstein in einem ruinösen Zustand. Es kostete Mühsal und Plage, um das Gebäude bewohnbar zu machen. Und viel Geld, um es zu erhalten, weshalb der Wortkünstler Vegesack in seiner Verzweiflung den Namen Fressendes Haus ersann. 1932 verfasste er einen Roman, in dem er seinen Kampf mit der Immobilie beschrieb.

Heute ist das Fressende Haus ein Ausflugsziel, unter anderem beherbergt es ein Museum. Das Problem des Erhalts blieb auch nach dem Tod des Dichters im Jahr 1974 bestehen. Deshalb wurde damals der Förderverein "Weißensteiner Burgkasten - Rettet das Fressende Haus" gegründet, der mittlerweile eine fünfstellige Summe an Spendengeldern in die Bewahrung des Dichterturms gesteckt hat. Umso erfreulicher, dass dieses Engagement soeben mit dem Kulturpreis des Bayerischen Wald-Vereins gewürdigt wurde. Der Verein erhält ja nicht nur das Gebäude am Leben, sondern auch die Erinnerung an einen Mann, dessen Vita viel zu packend ist, um vergessen zu werden. Vegesack, der in Lettland aufwuchs, übersiedelte 1917 nach Niederbayern, wo er bereits in den 1920er-Jahren mithilfe eines Windrads Strom erzeugte. Die Dörfler wollten sich an der Investition aber nicht beteiligen. Sie hielten ihn für einen Spinner und blieben lieber vor ihrem Petroleumlicht hocken.

Später nahmen die Nazis Vegesack in Schutzhaft, weil er eine Hakenkreuzfahne von der Burgruine entfernt hatte. Er wanderte alsbald aus, kehrte aber 1945 mit seiner Familie in sein Fressendes Haus zurück. Jahrzehnte später wurde er in dessen Nähe in einem Waldgrab beerdigt. Heftig rang er mit den Bürokraten um eine Genehmigung, auf Privatgrund durfte ja niemand begraben werden. Wie so oft setzte sich Vegesack trotzdem durch, hier mit dem Beistand des Bürgermeisters. Der vergaß den ablehnenden Bescheid einfach in der Schublade.

© SZ vom 22.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB