Nachbarschaftsstreit:Die Else Kling von Landshut

LKA-Beamter forschte seine Nachbarn aus

Was geht in der Nachbarschaft vor, wer bekommt Post von wem? Eine Frau aus Landshut wollte so gut wie möglich unterrichtet sein.

(Foto: dpa)

Wann verlässt der Nachbar das Haus? Welche Kleider trägt seine Begleiterin? Der Prototyp der neugierigen Nachbarin ist noch lange nicht ausgestorben.

Kolumne von Johann Osel

Man sollte mal wieder an Else Kling erinnern - in der "Lindenstraße" war sie einst die neugierige Hausmeisterin in einer Münchner Siedlung, ein alter Besen mit einem alten Besen. Wissbegierig stand die Kling im Flur, schnüffelte herum, lauschte so oft an Türen, dass man sich glatt Sorgen um womöglich wundgescheuerte Ohren machte. Briefkästen filzen gehörte natürlich dazu - wer hat Mutter Beimer Liebesbriefe geschrieben?

Derlei Fragen bestimmten den Klingschen Alltag, famos dargeboten mit derbem bairischen Idiom von Annemarie Wendl. Als 2006 die Schauspielerin starb, starb Else Kling. Als Symbol für Tratschsucht kombiniert mit Niedertracht lebt sie weiter. Schaut man sich in Internet-Ratgeberforen um, in denen die Leute Alltagsnöte kundtun, liest man bis heute Einträge wie: "Hilfe, meine Nachbarin ist wie Else Kling!"

In Landshut hat sich eine Dame als formidable Nachfolgerin empfohlen. "Beobachtet, belauscht, bedroht", so titelte die lokale Presse neulich über einen Fall am Amtsgericht. Eine Frau - nennen wir sie Else K. - errichtete am Fenster eine Stasi-Zentrale, hat Nachbarn nicht nur beobachtet, sondern auch Protokoll geführt. Wann verlässt der Nachbar das Haus? In Begleitung? Welche Kleider trägt die Begleiterin? Mit dem Auto, zu Fuß? Indizien, wo es hingeht?

Ein Aktenordner pro Nachbar, der Sohn war für Fotos zuständig. All das blieb den Nachbarn nicht verborgen. Jedenfalls sah das Gericht ein "Klima der Angst", es verurteilte Else K. und Sohn wegen Nachstellung zu Bewährungsstrafen. Mit Kontaktsperre: Treffen sie die Nachbarn künftig zufällig, haben sie sich unverzüglich zu entfernen.

Ein zu hartes Urteil? Wurden Vorteile der Überwachung bedacht? Man stelle sich vor, einer braucht ein Alibi, fälschlich verdächtigt. Nachfrage beim Nachbarn: Aha, an jenem Dienstagabend voriges Jahr war man zu Hause, es gab Leberkäs mit Kartoffelsalat.

Und ist es nicht so, dass in einer repräsentativen Umfrage mal fast die Hälfte der Bürger sagte, sie wünschten sich von ihren Nachbarn, "die Umgebung im Blick zu behalten", für mehr Sicherheit. Auf Facebook wird der Fall humorvoll debattiert, eine Frau wirft da ein, die Verurteilten seien Amateure: "Also mei Oma hat sich alles gemerkt, die hat keine Ordner gebraucht."

© SZ vom 06.11.2017/bhi
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