Süddeutsche Zeitung

Mitten in Bayern:Das Kreuz mit der Einsamkeit

Die Ausgangsbeschränkungen stellen viele vor bislang ungeahnte Aufgaben - auch die Polizei

In Zeiten von Corona ist es still auf Bayerns Straßen, in den Schulen und Büros. Und damit im Leben vieler Menschen: Zu Hause bleiben ist angesagt, sich und anderen zuliebe. Freunde und Kollegen sieht man bestenfalls mal im Videochat. Für die Psyche ist der Mangel an Sozialkontakten bisweilen schwer zu ertragen. Einen dieser Tage erfolgten Polizeieinsatz im Raum Ansbach betrachtet man daher wohl lieber mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Wie das Präsidium Mittelfranken berichtet, hatte ein elfjähriger Bub unter Tränen den Notruf gewählt: Seine Mutter war außer Haus gegangen, er selbst fühlte sich plötzlich einsam. Zum Glück konnte eine "freundliche Kollegin" den Anrufer mit "viel Feingefühl" beruhigen. Eine vorbeigeschickte Streife ging trotzdem auf Nummer sicher, kurzerhand schmierten die Beamten dem Buben ein Nutellabrot. Als kurz darauf die Mutter heimkam, "war die Welt wieder in Ordnung", bilanziert die Polizei. "Manchmal braucht die Seele einfach etwas Schokolade!"

Solche Geschichten geben Mut in diesen Zeiten. Es gilt, neue Wege zu finden, mit der Einsamkeit umzugehen, und sei es mithilfe polizeilich angeordneter Nussnugatcreme. Leider macht die Sache zusätzlich kompliziert, dass manche Menschen nicht nur mit dem Mangel an Sozialkontakten, sondern auch mit deren Übermaß kämpfen. Traut man den Berichten von Eltern aus dem eigenen Umfeld und den sozialen Medien, sehnen sich ihrer etliche gerade nach ein bisschen Einsamkeit. Seit zwei Wochen sollen sie gleichzeitig den Haushalt schmeißen, die Kinder bei Laune und im Schulstoff halten sowie die Erwartungen ihrer Vorgesetzten aus dem Home-Office heraus erfüllen. Warum vor allem Letzteres zum Scheitern verurteilt ist, zeigt das anonym eingereichte Beispiel einer Mutter aus Oberbayern: Die Tochter übt Geige. Der ebenfalls daheim arbeitende Mann fühlt sich gestört. Die Tochter bricht ob der so beleidigten Geigenkünste in Tränen aus, der Sohn gleich mit. Worauf alle drei nach Beistand und der Mama schreien. Ja, Himmel hilf! Vielleicht fasst ein derzeit gern verschickter Witz die Krux am besten zusammen: "Wenn die Schulen noch länger geschlossen bleiben, werden die Eltern noch vor den Forschern einen Impfstoff entwickeln."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4861101
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.03.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.